Dr. Hüseyin Çaglayan




DERSIM, EINE ALEVITISCHE OASE IM ISLAM


 

 


 

Eine kurze Einführung in die Geschichte Dersims

Für manche ist Dersim ein Land, eine Region mit eigener Sprache, Kultur und Geschichte. Für andere aber existiert Dersim mit seiner Eigenständigkeit nicht mehr: für türkische Politiker und Historiker besteht keinen Zweifel daran, daß Dersim türkisch ist.
Schon 1903 schreibt z.B. der türkische Verwalter Arif Bey folgendes: ”Dersim ist ein alter Unterschlupf der Türken. Man trifft hier außer den Werken und Spuren der Türken keine andere Generation (Nation)” [1]
Das Prinzip des Nationalismus der jungen nationalen Türkei Atatürks besagte: ”Alle, die in der Türkei leben, sind Türken.”
Der türkische Nationalist Naþit Hakký schrieb 1931: ”Muhammed ist Araber, aber die Dersimer sind echte Türken aus Horosan.” [2]
Heute beanspruchen neben den Türken auch die kurdischen Nationalisten Dersim für sich und versuchen, eine sich von Kurden und Türken selbständig entwickelnde emanzipatorische und zivile Bewegung zu verhindern.
Tatsache ist, daß Dersim ein Territorium ist, in dem Menschen wegen ihrer gemeinsamen Geschichte, Religion (Alevitentum) und Sprache vom osmanischen Reich bis heute angegriffen wurden. Trotz mehrerer Angriffe der osmanischen und türkischen Regierung konnte Dersim bis 1938 seinen Autonomiestatus -auch wenn begrenzt- bewahren.

Dersim ist ein Land vielfältiger Kulturen und Sprachen. Dersim liegt im nördlichen Flußtal von Euphrat und Tigris; im Nordwesten von Armenien, dem Norden von Kurdistan und im Osten der Türkei. Dersim hatte bis 1937-38 einen Autonomiestatus. Erst 1938 wurde Dersim durch eine militärische Unterwerfungskampange, die von Massakern und Deportationen begleitet war, in die türkische Verwaltung eingegliedert. [3]
Desim ist alevitisch. Das Dersim-Alevitentum wird zwar zur liberalen vorislamischen und islamische Glaubensrichtung gezählt, distanziert sich aber stark vom Islam. Gegenüber den orthodoxen Sunniten in der Türkei stellen die Aleviten eine Minderheit dar.
Verschiedene Quellen sprechen von verschiedenen Zeitpunkten des Ankommens indoeuropäischer Stämme in diesem Gebiet. Viele Historiker sind sich darüber einig, daß indogermanische Völker schon seit dem 2. und 3. Jahrtausend v. Chr. keine Fremdlinge mehr im Nahen Osten waren. Sie wanderten in das armenische Bergland ein, paßten sich den lokalen Verhältnissen an und übernahmen viele der lokalen Bräuche. [4]
Einige Historiker, Sprach- und Gesellschaftswissenschaftler vertreten die Ansicht, daß die Dersimer, bzw. Dimili ursprünglich aus Deylam, südwestlich des Kaspischen Meeres, stammten. [5]
Mit dem Sieg der Seltschucken über das byzantischen Reich 1071 breiteten sich türkische Stämme in Anatolien aus. 1300 wurde das Osmanische Reich gegründet und 1453 eroberte der osmanische Herrscher Fatih Sultan Mehmet Konstantinopel. Mit der Eroberung von Istanbul begann die Ausdehnung des Osmanischen Reiches: Im Westen wurde Trazien, Mazedonien, Serbien, Bulgarien, Bosnien, Albanien, Griechenland, Ungarn und im Osten Syrien, Westarmenien, Kurdistan und Ägypten erobert. Es gelang den osmanischen Türken, bis vor Wien zu gelangen.
Der osmanische Sultan Selim der Grausame kämpfte 1514 gegen das Safaviden Reich und siegte in Dhaldiran, westlich vom Euphrat. Dersim hatte in dieser Zeit ein Bündnis mit der politisch-religiösen Gemeinschaft der Safaviden, während die Kurden für die Osmanen Partei ergriffen. Die Osmanen begannen, die Kizilbas (Aleviten) wegen ihres alevitischen Glaubens auszurotten. Die Pforte forderte mit Nachdruck die Provinzgouverneure auf, die Kizilbas in ihren Regierungsbezirken ausfindig zu machen, sie einzukerkern. [6]
Nach der Eroberung von Istanbul und mit dem Sieg über die Safaviden erklärte das Osmanische Reich Dersim als Territorium des osmanischen Reiches. Bis zur Gründung der türkischen Republik (1923) wurde Dersim aufgrund seines autonomen Status und alevitischen Glaubens mehrmals von sunnitischen Türken angegriffen. Dennoch gelang es dem Osmanischen Reich nicht, eine absolute Macht und Herrschaft über Dersim auszuüben. Der türkische Ultranationalist N. Hakki, der von der türkischen Republik beauftragt wurde, Berichte über Dersim zu schreiben, bestätigt dies: Dersim wurde im 15. Jahrhundert dem osmanischen Herrscher Fatih Sultan Mehmet angeboten... Während der Sultan Yavuz Selim gegen den persischen Herrscher Schah (Ismail) in Canldiran kämpfte, ließ er die Berge der Kizilbas nicht unerschüttert zurück. Seit dieser Zeit gehört Dersim zu unserer Geographie. Aber Dersim schließt uns mit einer unvergleichlichen Hartnäckigkeit seine Tür von innen
ab. [7]
Die osmanische Regierung entwickelte gegen Ende des 19. Jh. Pläne, wie Dersim zu erobern wäre:
a) Dersim sollte angegriffen werden.
b) Das islamische Recht, die Scheria sollte als Rechtssystem eingeführt werden.
c) Das türkische Schulsystem sollte eingeführt werden.
e) Diejenigen, die sich wehrten, sollten deportiert werden. [8]
Dersim konnte trotz mehrfacher militärischer Angriffe des osmanischen Reiches seinen
selbständigen Status bis nach der Gründung der türkischen Republik bewahren. Dersim ist von den seit dem 11. Jahrhundert in der Region herrschenden Dynastien der Seldschuken, Karakoyunlu, Akkoyunlu und Safawiden, auch nicht bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts von den Osmanen, jemals direkt kontrolliert und verwaltet worden. [9] Auch der Diplomat Molyneux-Sell, der 1911 in Dersim eine Reise unternahm bestätigt dies: Die Dersimler leisteten der Regierung weiter Widerstand, wollten der türkischen Regierung keine Steuer, keine Söldner geben. [10]
Das Osmanische Reich ging im Laufe des Ersten Weltkrieges mit aller Härte gegen die Armenier vor. Dersim war die einzigste Oase in der islamischen Welt, die sich weigerte, gegen die Armenier vorzugehen. Dersim hat sich nicht nur geweigert, gegen die Armenier zu kämpfen, sondern hat die Armenier gegen die Angriffe des türkisch/osmanischen Regimes
geschützt. Der armenische Historiker Garu Sasuni sagt dazu folgendes: Die Dersimer ”hatten ein freundliches Verhältnis mit den armenischen Aktivisten. Während des Ersten Weltkrieges haben sie (die Dersimer) viele Armenier gerettet. ... Dersim ist eins der Heime, das die Armenier gerettet hat. ” (Die Armenier zu schützen, wurde mit Tod bedroht.) [11]
Die Armenier wurden im Laufe des Ersten Weltkrieges, d.h. während des Verfallsprozeß des osmanischen Reiches und des nationalen Befreiungskrieges durch die Jungtürken und deren Nachfolger, den Kemalisten, weiter verfolgt. (1915 wurde von den Jungtürken in der Türkei die Ausrottung der Armenier angeordnet.)
Die Kurden gehörten religiös zum osmanischen Reich, soweit sie Sunniten waren und kein entwickeltes national-kulturelles Bewußtsein besaßen. Viele der kurdischen Stämme standen im Dienste der türkischen Nationalisten und leisteten gemeinsam Widerstand gegen christliche Völker und die Dersimer.
Die nationalitische Politik der Jungtürken und der Kemalisten der jungen Türkei bedrohte Dersim. Deswegen kämpfte Dersim unermüdlich gegen die nationalistische Politik der jungen Türkei. 1920-1937/38 kämpften Dersim- Milizen in West-Dersim, Kocgiri, und in Ost- und Zentral-Dersim gegen die nationalitische Politk Mustafa Kemal Atatürk`s. Dersim kämpfte
gegen die Massendeportationen, gegen summerische Exekutionen, erdrückende Steuern, Zwangsrekrutierung zu den Arbeitscorps zum Bau von Straßen oder militärischen Einrichtungen. Dersim forderte die sofortige Zurückziehung aller türkischen Verwaltungsbehörden und die Anerkennung der Selbstverwaltung in Dersim.
Der national revolutionäre Dichter Dersims, Ali Þer schrieb:
Es kamen viele Könige zur Welt,
Sie hofften alle, Dersim zu nehmen.
Es schleuderte alle herum.
Keiner konnte nehmen ein bißchen von Dersim. [12]
Aufgrund seines selbständigen Status und Widerstandes gegen die nationalitisch/faschistoide Politik machte Dersim auch der jungen türkischen Republik Atatürks Probleme. Der türkische Gouverneur von Elazig, Fahri Bey, sagte: ”Dersim dient fremden Interessen. (...) Aus diesem Grund muß es biologisch vernichtet werden. (...) Man redet immer vom Gesetz. Ich verachte das Gesetz. Gesetz ist das, was zwischen meinen Lippen herauskommt. Die türkische Nation erwartet von den Dersimlern in moralischer und materieller Hinsicht nichts.” [13]
Ministerpräsident Celal Bayar sagte: ”Dersim ist ein Staat innerhalb eines Staates. Bis jetzt (bis 1938 H.Ç.) wurde Dersim 48 mal angegriffen, aber es ist nie erobert worden. ” [14]
Mustafa Kemal Atatürk bemerkte: ”Die Dersim-Frage ist eine der wichtigsten Fragen in unseren inneren Angelegenheiten. Es ist notwendig, die Regierung mit umfassender und uneingeschränkter Autorität auszustatten, damit diese die innere Wunde, dieses abstoßende Krebsgeschwür um jeden Preis beseitigen und auslöschen kann.” [15] Um dieses ”abstoßende Krebsgeschwür” auslöschen zu könne, vernichten die Türken das arme und unbewaffnete Volk 1938 total.
Dersim wurde erstmals in seiner Geschichte vollkommen erobert.
Der Ehrenpräsident von Dersim, Sey Riza und seine 6 Genossen wurden gehängt. Über 70.000 Menschen wurden -nach Schätzung der Überlebenden- getötet, vergast, abgeschlachtet. Die Überlebenden wurden zum Teil zwangsumgesiedelt.
Die türkische Regierung setzte ihre Militäreinsätze nach der Eroberung Dersims massiv fort, um das ”Problem Dersim” endgültig zu lösen. Der damalige Ministerpräsidet, Celal Bayar, sagte dazu: ”Dersim ist ein Staat innerhalb eines Staates. Bis jetzt wurde Dersim 48 mal angegriffen, aber es ist nie erobert worden... Wir werden das sogenannte Dersim Problem mit Maßnahmen unseres Staates beseitigen. ...Unsere Armee wird deswegen eine militärische Übung in Dersim durchführen. Wir werden die Einwohner dieses Gebietes vertreiben und das Problem an der Wurzel lösen.” [16]
Ihre Greueltaten dokumentierte die türkische Armee 1937 in ihren Dokumenten: ”Am 16 August 1938 bombardierte ein Flugzeug 500 Menschen mit ihrer Herde. (...) Die 41. Division des 7. Armeekorps vernichtete am 19. August 1938 im Munzur Suyu, Kalason und Sin-Gebiet 290 Banditen, die sich wehrten. In Mazgirt wurden ebenfalls 52 Banditen vernichtet, die von der versammelten Masse flüchten wollten. (...) Die 12. Division des 8. Armeekorps vernichtete in verbotenen Gebieten bei Durchsuchungen verschiedener Orte viele Banditen. Sie vernichteten nochmals 170 Banditen, die Widerstand geleistet hatten und setzten die Felder und Dörfer in dem Gebiet in Brand. (...) Die 14. Division vernichtet bei ihrer letzten Säuberungsakton 69 Personen und siedelte 381 Personen, Kinder, Frauen und Männer in den Westen um. (...) In der Zeit zwischen dem 6. und 15. September 1938 wurde nach einem Befehl der Armee die militärische Durchsuchungsaktion fortgesetzt. Die Armeekorps durchsuchten Höhlen, Steinhöhlen und jedes Loch, in dem sich eine Person verstecken kann. Bei der Durchsuchungsaktion wurden mit Hilfe von Artillerie- und Infantrietruppen die Höhlen angegriffen und viele Banditen vernichtet; gleichzeitig wurden auch viele Kinder und Frauen festgenommen. Dörfer, Häuser, Wohngebiete, soger Felder und Wälder wurden in Brand gesteckt. (...) Bei einer Durchsuchung eines Gebiets wurden innerhalb von 17 Tagen 7959 Personen getötet oder lebendig festgenommen.” [17]
Mehmet Kangutan, einer der Überlebenden, sagte in einem Interwiew über die Verbrennung der Dörfer: ”Sie kamen in das Dorf und versammelten die Dorfbewohner in den Feldern. Wir hörten das Feuer der Maschinengewehre. Als unser Dorf in Brand gesteckt wurde, sahen wir, wie sie unser Haus in Brand steckten. Unser Haus war ziemlich hoch, so konnten wir es von drüben sehen. Wir konnten die Tränen nicht zurückhalten. Nachdem auch die Menschen getötet worden waren, gab es im Dorf fast niemanden mehr (...) [18]
Als türkische Soldaten einmal ein Dorf in Brand steckten, rannte ein Mann wie ein Verrückter vom Feuer des Dorfes zu den türkischen Soldaten, die hinter einem Holzhaufen das Feuer anschauten. Er schrie zu den Soldaten: ‘Wartet, ich bin nicht einer aus diesem Dorf! Ich bin Lehrer! Erlaubt mir, mich mit euch zu identifizieren.’Auch er wurde mit einem Kantholz in das Feuer geschoben.
Die 80-jährige Menez Akkaya, die den Völkermord überlebt hat, sagte in einem Interview über die Einsammlung der Waffen: ”Ich war damals ein junges Mädchen. Die Soldaten kamen einigemal in unser Dorf und gingen wieder. Sie taten uns nichts. Wir haben sie nicht verstanden, weil wir kein türkisch konnten. Später kamen sie noch einmal. Sie versammelten die Dorfbewohner. Es waren etwa 200 bis 300 Alte, Frauen und Kinder. Sie brachten uns in das Degirmen Tas Gebiet. Sie sagten, daß sie unsere Waffen haben wollten. Wenn sie sie hätten, würden sie uns freilassen. Sie brachten uns an das Bett des Flußes und töteten uns. Sie töteten auch meinen Mann. Nur wir, drei Personen, überlebten. (...) Wir blieben tagelang ohne Essen und Trinken unter den Leichen. Es war mit uns so, daß wir keine Angst hatten.
In Kiran überredeten türkische Soldaten etwa 400 Familien und versicherten, daß ihnen nichts geschehen würde, wenn sie sich ergäben. Die türkischen Soldaten ließen dann die Bewohner auf Dorfplätzen antreten. Die Männer wurden standrechtlich erschossen. Frauen und Kinder wurden in Scheunen gesperrt und lebendig verbrannt.” [19]
Die Organe des nationalistischen türkischen Staates schien mit dieser Art der Vernichtungspolitik in Dersim zufrieden zu sein. Der Ministerialrat verfaßte 1937 folgende geheime Erklärung:
”Auf diese Art und Weise wurde Tunceli endlich nach 2 Jahren vollkommen gesäubert und damit die Sicherheit und Orndung wieder hergestellt. Nun hat man aus dieser Region eine sichere Region gemacht.” [20]
Auch die Lieder, die in der Zeit der grausamen Vernichtungsaktion der türkischen Regierung gesungen wurden, bestätigen die oben genannten Greultaten:
Na zalumunê dina xortê Dêrsými qýrkerdê
Cêr u cor kerdê têvýrare. ...
Na zalumunê dina ferman do, vato, ‘Dêrsým de az nêmano!’
(Die Tyrannen der Welt töteten die Menschen Dersims
Stapelten sie auf in Reihen. ...
Diese Tyrannen der Welt haben den Befehl gegeben und sagten:
es soll keinen Lebenden mehr in Dersim geben!) [21]
Zehn Jahre nach dem Völkermord in Dersim berichtete die türkische Zeitung Son Posta über ihre Beobachtungen in Dersim: ”Ich habe diese desolaten und entvölkerten Plätze besucht. Sie haben noch keinen anderen Staatsbeamten gesehen, als den Steuereintreiber und den Gendarmen. Ich wollte den Leuten begegnen, ihr Alltagsleben, ihre Seelen kennenlernen. Aber unglücklicherweise ist nichts übriggeblieben von der Zeit vor der Revolte. Keinerlei Kunstwerk mehr, keine Kultur, kein Handel. ” [22]
Gegen die totale militärische Vernichtungspolitik konnte sich Dersim bis 1938 wehren; danach wurde Dersim erstmals in seiner Geschichte von Fremden vollständig besetzt. [23]


Dersim und seine Religion

Die Region Dersim ist eine fast auschließlich alevitische (auch Kýzýlbaþ genannt) Region.
Die Aleviten stellen gegenüber den orthodoxen Sunniten mit ca. 20% der ca. 65 Millionen Moslems in der Türkei eine Minderheit dar. Sie berufen sich auf die direkte Nachfolge von Ali, dem Schwiegersohn Mohammeds, sind aber in ihrem gelebten Glauben nicht mit den orthodoxen Schiiten in Iran und den Sunniten in der Türkei vergleichbar. Sie lehnen sowohl die Sunna als auch die Scheria, das islamische Rechtssystem, ab und zelebrieren ihre religiöse Rituale und Zusammenkünfte in Cems, nicht in Moscheen. [24]
Das Alevitentum in Dersim ist eine Sonderentwicklung der moslemischen Welt. Dersim hat sich in seiner recht unzugänglichen Bergregion eine Religion erhalten und ausgeprägt, die eine Mischung aus altiranischen, altanatolischen, alttestamentarischen, christlichen und islamischen Elementen darstellt. Der alevitische Glaube in Dersim zentriert sich nicht um das islamische heilige Buch Koran und die Einhaltung ritualisierter Verehrungsformen, sondern um in dem Gebiet existierende heilige Orte und dort lebende heilige Männer und Frauen. Die religiösen Feste und Rituale werden mit Tanz, Liedern und Predigten in Privathäusern von Seyits (Priester) und heiligen Orte abgehalten. Die Dersimer sind in ihrem Alevitentum mystisch aber haben gegen die islamischen Orthodoxie häretische Tendenzen. [25]
Aleviten verehren zwar Gott, aber nicht im Sinne einer bestimmten Person. Nach alevitischem Glauben ist Gott nicht vom Universum zu trennen. Menschen, Tiere und Pflanzen sind Produkte des Universums, der Natur, des Gottes. Die Aleviten glauben an den Menschen, an seine Entwicklung zur Vollkommenheit, an die Gesellschaft der Menschen und verehren alles Lebendige des Universums. Ein Baum oder Stein können beispielsweise als Produkte der Natur heilige Plätze des Gebets und der Besinnung sein.
Z. B. ist der Berg und große Felsen ”Kemerê Býmbareki” (Heiliger Stein), auch ”Duzgýn Bava” (Vater Duzgýn) genannt, ein heiliger Pilgerort für Dersims Aleviten. [26]
Die grundlegende Glaubensvorstellung der Aleviten besagt, daß jedes Mitglied der alevitischen Gemeinschaft ”Herr seiner Hände, seiner Zunge und Lenden” sein soll.
Seiner Hände Herr zu sein, bedeutet alevitischem Glauben nach, nicht zu stehlen und zu töten, sondern für sich und das Wohl der Gemeinschaft zu arbeiten.
Herr der Zunge zu sein, bedeutet vor allem, niemanden zu beleidigen und die eigenen Worte so zu wählen, daß das Wohlbefinden aller Anwesenden gefördert wird.
Herr der Lende zu sein, heißt, daß jeder Mann -im Unterschied zum Islam- nur mit einer Frau verheiratet sein dürfe. Der Islam erlaubt z.B. jedem Mann das Heiraten von 4 Frauen. [27]
Im Cem (Religiöse Zusammenkunft) spiegelt sich alevitischer Glauben, Kultur und Philosophie. Cem wird in Privat-Häusern gehalten. Seitdem es in der letzten Zeit Cem-Häuser gibt, werden sie in Cem-Häusern gehalten. Das religiöse Oberhaupt, Pir, predigt und informiert die versammelten Menschen über die soziale, politische und die religiöse Lage der Gesellschaft. Die Probleme der Kommune, der Menschen untereinander werden öffentlich diskutiert. Jeder Mensch, der zur Cem kommt, bringt etwas zum Essen mit. Das Essen wird in einer Ecke gesammelt. Bei dem Cem-Ritual wird getanzt und gesungen. Nach dem Ritual, wird das Essen -ohne Ansehen auf gesellschaftlichen Rang und Stellung- zwischen den Versammelten gleichmäßig verteilt. Jedes Mitglied, jedes Kind, jede Frau und jeder Mann, alle, werden gefragt, ob sie mit dem, was sie bekommen haben, zufrieden sind. Erst, wenn alle zufrieden sind, wird gegessen.
Hierin drückt sich die grundlegende Basis des alevitischen Glaubens aus. Die Philosophie dieses Glaubens ist die Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.
Im Unterschied zum Islam versammeln sich Männer wie Frauen zu Cems. Das Trinken von Wein ist beim Cem-Ritual erlaubt, während im Islam der Genuß von Alkohl verboten ist.
L. Molyneux-Seel, der Ende des 19. Jahrhunderts in Dersim recherchierte und Reiseberichte schrieb, schrieb in seinem Geographical Journal in Dersim folgendes: ”Die Kýzýlbas` lehnen den Begriff Islam ab. Sie bezeichnen mit diesem Begriff den verhassten Türken. Dersimer nennen sich ”Children of the True Path” (Gerçek Yolun Çocuklarý). Die religiöse Hierarchie der Kýzýlbas in Dersim ist folgende: Seyid (Pir) (Priest), Mürþid (Bishop).” [28]
Die Aleviten in Dersim glauben an 12 Imame (etwa vergleichbar mit den 12 Aposteln) : Hasan und Hüseyin, Abbas, Zeynel Abidin, Bakir, Cafer, Kassem, Rýza, Ali Askar, Ali Kebar, Kazým, Meit-i.
Die Aleviten haben kein heiliges Buch. Das heilige Buch Koran finden sie zu dogmatisch und ideologisch und von sunnitischen und schiitischen Moslems verfälscht. Die Weisungen Gottes werden von Seyit und Pir verbal weitergegeben.
Die religiösen Feste, wie Hýzýr Fest, Gagand (das armenische Neujahrsfest, bzw. Weihnachten) und Heftemal, sind wichtige Feste in Dersim.
Dersimer verehren neben Xýzýr (Gott) Adem, Noah, Abraham, Jesus, Muhammed und Ali als Propheten. Dabei nimmt Ali eine besondere Stellung ein. Die armenischen Kirchen gelten ebenfalls als heilige Orte, die auch besucht werden. [29]


Dersim und seine Sprache

Derim unterscheidet sich nicht nur religiös von den sunntischen Türken und Kurden, sondern auch sprachlich. Dersim spricht Zaza. Zaza ist mit dem Kurdischen verwandt, unterscheidet sich aber von dem Kurdischen stark. Der Unterschied ist so groß, daß ein Kurde Zaza Sprechende und umgekehrt ein Zaza Sprechender einen Kurden nicht verstehen kann.
Die Türken behaupten, daß Zaza ein Dialekt des Türkischen sei. Die Kurden folgen diesem Beispiel und behaupten, daß Zaza ein Dialekt des Kurdischen sei.
Tatsache ist, daß das in Dersim gesprochene Zaza eine selbständige Sprache ist. [30]
Die Sprachwissenschaftler Oskar Mann, Karl Hadank, Prof. Dr. J. Gippert, Dr. Paul Ludwig, Terry Lynn Todd und M. und M. Crandel sind der Meinung, daß die Zaza Sprache sich von dem Kurdischen und Türkischen unterscheide und eine eigene Sprache der indoeuropäischen Sprachfamilie sei. [31]
Leider sind die Türken gegen die Aktivitäten und Organisierung der Kirmanc-Zaza in Europa und in der Türkei.
Die türkische Geschichtsschreibung, Intellektuelle, Linke und Kommunisten machen keinen Unterschied zwischen einer militärisch kolonisierten und einer militärisch kolonisierenden Gesellschaft und unterstützen die nationalistisch/faschistoide Politik der türkischen Republik.
Sie verdammten dagegen die Foderungen von Dersim und nannten die Erhebung Dersims gegen die türkischen Nationalisten und Faschisten ”reaktionär”, obwohl die damalige kemalistische Türkei eine enge Beziehung mit Nazi-Deutschland geknüpft hatte. [32]
”Im Orient”, schreibt Zilfi Selcan (Institut für Linguistik, TU Berlin) ”ist es unter den Herrschern schon zu einer Tradition geworden, die Sprachen ihrer Nachbarvölker zu einem bedeutungslosen Dialekt ihrer eigenen Sprache zu degradieren, wenn sie deren Territorien für sich beanspruchen und sie ihres Selbstbestimmungsrechts berauben wollen. Bekanntlich erklärte der Scheich von Iran seiner Zeit das Kurdische u. a. als einen Dialekt des Persischen, wie die türkische Regierung die Zaza Sprache und das Kurmanci (Kurdisch) bis Anfang 1992 offiziell als jeweilige Dialekte des Türkischen bezeichnete. Dadurch wurde die Bestrebung dieser Völker (Zaza und Kurden), nach freier politischer und kultureller Entfaltung sowie völkerrechtlicher Gleichstellung unterbunden.
Seltsamerweise übernahmen auch die Kurden diese politische Unterdrücker-Tradition und praktizieren sie an ihren Nachbarvölkern. So erklären kurdische Autoren, Politiker und politische Organisationen immer wieder die Sprache der Zaza, der Guran und der Luren fälschlicherweise zum Dialekt des `Kurdischen` und deren Heimatgebiete als(...) Kurdistan”. Dadurch so Z. Selcan weiter, ”versuchen kurdische Autoren und Politiker dennoch durch ihre Dialekt-Behauptung, diese Völker, welche ebenfalls wie sie unterdrückt werden, politisch und kulturell permanent zu bevormunden. Ohne sich selbst von ihren Assimilatoren befreit zu haben, versuchen die kurdischen politischen Organisationen seit Jahrzehnten die Zaza zu assimilieren. Das haben sich auch die kurdischen Lehrer und Erzieher in der Bundesrepublik Deutschland nun öffentlich zum Ziel gesetzt: Man müßte so die Zaza zur Übernahme von Kurmanci (Kurdisch) motivieren.” [33]
Dies bestätigt auch die Zeitschrift ”Berhem” und erklärt das Ziel mancher kurdischer Politiker und politischer Organisationen folgendermaßen:
1) Nach Kurmanci (Kurdisch) und Sorani muß verhindert werden, daß die Zaza Sprache sich als Literatur- und Schriftsprache entwickelt ...
Zaza-Folklore kann zusammengestellt werden, jedoch sollen literarische Schriften wie Poesie, Kurzgeschichten und Romane nicht geschrieben werden. Orginale Werke und Literatur sollen verhindert werden. Diese Aufgabe soll nur Kurmanci und Sorani überlassen werden.
2) Diejenigen, die betonen, daß Zazas eine selbständige Nation und ihre Sprache Zaza eine selbständige Sprache ist, sind im Dienst des Feindes. [34]
Auch die Kurden, die einen einheitlichen Nationalstaat mit einheilich geführtem Militär und vereinheitlichter Religion anstreben, wollen eine einheitliche Sprache einführen. Das kurdische Exilparlament lehnte z.B. den Vorschlag, Zazaki und Asurisch als gültige und gleichberechtigte Sprachen in die Satzung aufzunehmen, ab. [35]
Der türkische Nationalismus und und sein Einfluß auf breite Bevölkerungsschichten (auch zum Teil auf die linke Bewegung) blockiert den Weg zur Demokratisierung der türkischen Gesellschaft und die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens der verschiedenen Kulturen. Diese Auseinandersetzung in der Türkei beeinflußt auch die Auswanderer, Kýrmanc/Aleviten, Zaza, Kurden und Türken, in der BRD.

Vertreibung und Massendeportation aus Dersim nach dem Militärputsch 1980

Wie oben erwähnt, hatte die osmanische Regierung schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts beschlossen, Dersim anzugreifen und zu assimilieren. Diejenigen, die sich wehrten, wurden deportiert. Schon in der Zeit des Jungtürkischen Nationalismus haben viele Dersimi ihre Heimat verlassen und sind nach Amerika ausgewandert. Einige davon sind zurückgekehrt, während viele dort geblieben sind. Eine Statistik gibt es leider darüber nicht.
Nach der militärischen Eroberung Dersims 1937 begann die große Massendeportation und Auswanderung in den Westen der Türkei, schätzungsweise ca. 100.000 Dersimer.
Die Deportierten durften bis zu 10 Jahre nicht nach Dersim zurück kehren. Viele, die in den 50er Jahren wieder nach Dersim zurückgekommen waren, wurden nach den Militärputschen in den 70er und 80er Jahren erneut deportiert.
Die Zwangsdeportation ist ein Stück Geschichte der Dersimer. Dies möchte ich mit der Geschichte einer alten Dersimerin verdeutlichen: ”Ich war 1938 schätzungsweise 10 Jahre alt. Die Dörfer wurden zerstört und niederbrannt. Mein Vater war einer von denen, der sich nicht ergeben hatte. Er machte sich wegen uns Sorgen und kam eines Tages nach Hause. Die Milizen hatten dies den Soldaten zugetragen. Als die Soldaten unser Haus zu überfallen versuchten, nahm mein Vater mich allein und flüchtete, während meine Mutter und anderen zwei Schwestern nicht flüchten konnten. Wir sind in die Bergen von Munzur geflüchtet. Man hat sie (die Mutter und Schwestern) deportiert. Später wurden die militärischen Operationen eingestellt. Wir, mein Vater und ich, kehrten nach einigen Monaten von den Bergen zurück ins Dorf . Meinem Vater wurde die Bedingung gestellt, sich zu ergeben. Er ergab sich und wurde verhaftet. Wir haben geglaubt, daß unsere Mutter getötet worden war. Ich habe nach 9 Jahren geheiratet. Nach 9 Jahren kam meine Mutter zurück. Es hat sich herausgestellt, daß sie nach Samsun deportiert worden war. Sie blieben (die Mutter und Schwestern) 9 Jahre in Samsun. 9 Jahre lang habe ich darunter gelitten und überall, wo ich hingegangen bin, habe ich wegen ihnen geheult. Wissen Sie was das bedeutet und was für ein Gefühl es ist? Und wissen Sie was sie gelitten haben? Sie waren in einem total fremden Land, dessen Sprache und Kultur ihnen fremd war. Das können nur Leute verstehen, die dies erleben. Nun sind 1994 unsere Dörfer erneut zerstört worden. Sie sagten: wir sollen die Dörfer verlassen. Ich erlebte 1938 ein zweites Mal. Mir fällt es sehr schwer, unser Land, unsere Dörfer, Gräber und heiligen Pilgerorte in Dersim zu verlassen.” [36]
Die Zwangsdeportierung und Zerstörung der Dörfer erinnert die viele Dersimer an den Vökermord in 1937-38. [37]
Nach den Militärputschen 1971 und vor allem nach 1980 wurden die Dörfer in Dersim systematisch und planmäßig evakuiert und in Brand gesteckt. 1994 wurden allein innerhalb von zwei Monaten rund ein Drittel der Dörfer (in einigen Subdistirikten sogar 80 bis 100%) militärisch zwangsevakuiert, wobei die Armee manche von ihnen zerstörte und niederbrannte.38)
Die Repressionspolitik wurde seit 1980 so forsiert, daß heute die Dörfer in Dersim menschenleer sind. Nach der Massendeportation der dreißiger Jahre und der Auswanderungswelle 1960-1970 nach Europa fand nach dem Militärputsch 1980 die größte Zwangsauswanderung aus Dersim statt. Viele, die nach den 38er Massakern aus der Verbannung in den 50er Jahren wieder nach Dersim gekommen waren, erlebten in den 80er und 90er Jahren eine zweite Zwangsumsiedlung, Vertreibung und Verbrennung ihrer Dörfer.
Fast Hälfte der Dörfer in Dersim sind heute geräumt, bzw. verbrannt. [39]

Dersimer im Ausland

Nachdem Dersim 1938 militärisch annektiert worden war, wurde die Verwaltung in Dersim vom türkischen Militär übernommen und alle politischen Entscheidungen zielten darauf ab, die Bevölkerung zu türkisieren. Die alten Namen der Dörfer und Städte wurden durch türkische Namen ersetzt. Die Schulkinder mussten vor dem Beginn des Unterrichts im Chor in türkisch singen, daß sie Türken und darauf stolz seien. Auch Moscheen wurden gebaut, obwohl die Dersimer sich damit nicht identifizieren.
Im Laufe dieser Entwicklung war die Repression des türkischen Militärs und türkischen Nationalismus überall in Dersim spürbar. Überall wurden Militärkasernen, Gendarmarie- und Polizeiwachen gebaut, im Industriebereich investierte der türkische Staat jedoch nicht. Es wurden keine Arbeitsplätze geschaffen.
Aufgrund der ökonomischen Situation und auch der politischen Repressalien in Dersim war die Bevölkerung williger und bereiter ins christliche Ausland auszuwandern als ihre sunnitischen Nachbarn wie Türken und Kurden. Außerdem sind die Dersimer aufgrund ihrer alevitischen Religion und Kultur liberaler und offener für andere Kulturen als ihre sunnitischen Nachbarn. Für die ersten ”Gastarbeiter” konnte die Diskriminierung in der Fremde nicht schlimmer sein als in ihrer Heimat seitens der türkischen Behörden.
Die erste Auswanderung begann Mitte der 60er und Anfang der 70er Jahren. Aus fast jeder Familie wanderte mindestes eine, bzw. zwei Personen aus. Die meisten davon kamen in die BRD.
Schätzungsweise leben 150.000 bis 200.000 Dersimer-Aleviten (Kýrmanc) in Europa. Die Bochumer StundentInnen-Zeitung spricht von 150.000 Dimili (Kýrmanc/Zaza) in der
BRD. [40]
Die Dersimler, die in den 60er und 70er Jahren als ”Gastarbeiter” nach Europa, Österreich, Frankreich und in die Bundesrepublik Deutschland gekommen waren, arbeiteten hauptsächlich in Industriezentren oder in Baubranchen. Die Dersimer haben immer gehofft, eines Tages zurückzukehren, um eine Existenz in Dersim aufzubauen. Diese Hoffnung ist bis jetzt nicht in Erfüllung gegangen. Nach dem Militärputsch von 1980, insbesonders nach 1990 haben die Auswanderer aus Dersim während ihrer kurzen Sommerurlaube in ihrer Heimat die Erfahrung gemacht, daß eine Rückkehr unter den derzeitigen Umständen eine Illusion ist.
Die Dersimer in der BRD haben zwar ihre Rückkehr in ihre Heimat nicht aufgegeben, aber sie haben angefangen, ihr Leben nach der deutschen Gesellschaft zu orientieren. Die alte Gastarbeitergeneration ist inzwischen Rentner geworden und hat Gründe, weiter hier zu leben. Denn wenn sie nach Dersim zurückkehren würden, würden sie die starke Präsenz des türkischen Militärs und deren massive Unterdrückung spüren. Die bewaffneten Gruppen wie TKP/ML und PKK verlangen Hilfeleistungen von den Dorfbewohnern. Wenn sie dies tun, oder auch nicht tun, werden sie von den türkischen Sicherheitskräften verfolgt. Außerdem hat die erste Generation inzwischen in der BRD erwachsene Kinder und Enkelkinder, die in der BRD zur Schule gehen oder in Ausbildung sind.
Wie die meisten ”Gastarbeiter” sind die Dersimer in großen Städten, wie im Rhein-Main Gebiet, Köln, Duisburg, Berlin angesiedelt. Die Dersimer legen großen Wert auf Bildung und wollen, daß ihre Kinder studieren und einen Beruf erlernen, ohne Ansehen auf ihr Geschlecht, ob Mädchen oder Junge. (Dersim weist im Vergleich zu seinen Nachbarn, Türken und Kurden, ein höheres Bildungsniveau auf). Auch die Dersimer sind von der Arbeitslosigkeit in der BRD betroffen. Viele Jugendliche sind ohne Arbeit und Lehrstelle und sehen in der BRD für sich keine Perspektive. Dazu kommt die Betroffenheit durch den Krieg in Dersim dazu. Es gibt keinen Dersimer, der nicht persönlich von der Zwangsevakuierung, Verbrennung der Dörfer, von Tod oder Mord betroffen ist. Diese Situation und die Tatsache, daß die linken Bewegungen auch in Europa versuchen, Jugendliche zu rekrutieren, bringt einige Jugendliche auf den Gedanken, sich an den bewaffneten Auseinandersetzungen zu beteiligen.
Die türkische linke Bewegung konnte in Dersim zum Teil wegen seiner bergigen Geographie, zum Teil, weil die alevitische Bevölkerung in Dersim eine unabhängige Gesinnung hat, Fuß fassen. Zwar sympathisierten die Dersimler mit der linken Bewegung, distanzierten sich aber dort von ihr, wo sie eine Revolution in der Türkei für illusorisch fanden. Denn in einem Land, in dem nicht die geringsten Rechte der nicht-türkischen Völker anerkannt, Menschenrechte nicht geachtet und Rechtsnormen nicht verwendet werden, werden auch Revolutionen keinen Erfog haben. Es entstand ein Generations- und Identitätskonflikt zwischen den geschichtsbewußten Dersimer, die ideologisch nicht türkisch beeinflußt waren und ihren linken und ”fortschrittlichen” Kindern. Für die erste Generation der Dersimer im Ausland, die nicht von türkischen linken Ideologien beeinflußt ist, ist klar, daß sie weder Türken noch Kurden sind. Die ”fortschrittlichen” Kinder waren von der nationalistischen türkischen Geschichtsschreibung und den Kommunisten beeinflußt, die die kulturelle Identität der Dersimler ignorierten, bzw. der türkischen Revolution unterordneten, was zu einem Identitätskonflikt führte. Netherland Kurdistan Society schreibt in ihrem Bericht ”Zwangsräumung und Zerstörung von Dörfern in Dersim...” treffend: ”Diese ambivalente ethnische und religiöse Identität -die Debatte unter Dersimis darüber, was sie denn ”wirklich” seien , dauert an- ist ein wichtiger Hintergrund für die Ereignisse von 1994. (1994 führte das türkische Militär einen totalen Krieg gegen Dersim. H.C.) Seit Mitte der 1980er Jahre bemühte sich die türkische Regierung, den Aleviten entgegenzukommen, um ihrer jahrhunderalten Entfremdung vom Staate ein Ende zu setzen. Man anerkannte die alevitische Religion als eine authentische, türkische Form des Islam. Die PKK und andere kurdische Nationalisten hingegen sind bestrebt, die Kurdizität der Zaza- oder kurmanci (kurdisch) sprechenden Aleviten herauszustellen und diese von den türkischen Aleviten abzusondern. Die Regierung und die kurdische Bewegung führen einen ideologischen Krieg um die Identitä von Dersim: ist es türkisch oder kurdisch? Die Zunahme von PKK-Aktivitäten in Dersim war deshalb als solche eine politische Darstellung mit einer Wirkung, die sich von den Aktivitäten im übrigen Kurdistan unterscheidet.” [41]
Durch die massive Auswanderungswelle in den Westen der Türkei und nach Europa und durch die nationale Unterdrückung durch die Türken entbrannte die Identitätsdiskussion Dersims im In- und Ausland. Denn die Dersimi konnten nicht tatenlos zusehen, was in ihrer Heimat geschah. Sie begannen, sich im Westen der Türkei und in Europa kulturell zu betätigen.
In den 80er Jahren begannen die Intellektuellen sich damit auseinander zu setzen, was sie von ihren Eltern gehört hatten, daß sie weder Türken noch Kurden seien.
In den 80er und 90er Jahren begannen die Dersimi Zeitschriften herauszubringen:
Ware, Berhem, Desmala Sure, Tija Sodiri, Pir und Dersim.
Diese Zeitschriften -außer der Zeitschrift Dersim- werden in Europa herausgegeben. Sie versuchen, die in Europa erscheinenden wissenschaftlichen Arbeiten über Dersim, die Zaza-Kultur , Religion, Sprache und Geschichte ihren Lesern zugänglich zu machen und über die aktuellen Ereignisse in der Heimat zu berichten. Gleichzeitig beschäftigen sich diese Zeitschriften mit den Problemen der Bildung und Ausbildung, besonders derjenigen, die in Europa, insb. in Deutschland leben. Es werden die sozialen und kulturellen Rechte der Zaza-sprechenden Immigranten veröffentlicht und man setzt sich für den muttersprachlichen Unterricht der Kinder der Zazas ein.
Ferner versuchen die Intellektuellen aus Dersim in der BRD, die sozialen und kulturellen Probleme und die verdrängte Vergangenheit der Menschen mit Zaza Sprache und Kultur, die in der Türkei immer noch verboten ist, zu bearbeiten, sie auf kommunaler Ebene in der BRD zu vertreten und ihre Probleme und auch ihre Freude in einer multikulturellen Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen.
Während sich die erste Generation in alevitischen Vereinen organisiert, sind die Jugendlichen in sport- und kulturellen Vereinen organisiert. So spielt z. B. Rüsselsheim Dersim Spor in der Oberliga. Jeden Sonntag versammeln sich zum Fussballspiel von Dersim Spor ca. 400 bis 500 Dersimer aus dem Rhein-Maingebiet. Neben den sportlichen Aktivitäten werden Schule und akademische Bildungswege der Jugendlichen gefördert.
Die alevitischen dersimischen Feste wie Xeylaþi (Xýzýr-Feste), Gaðani (armenisch=Weinachten) und Germia Ýmamu (Aþure) werden auch weiter in der neuen ”Heimat” gefeiert. Die alevitische Religion der Dersimer legt großen Wert auf Mensch, Tier und Natur. Dersim hat nicht nur einen Gott, sondern viele Götter. Deswegen hat der Dersimer hier, in einer multikulturellen Gesellschaft, keine Angst, bzw. Ressentiments vor vielen Kulturen und Religionen. Gleichzeitig distanzieren sich Dersimer in Europa -und auch anderswo- von Fanatismus und Nationalismus.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Dersimer -sei es in Dersim oder Europa- anfangen, sich zu organisieren. Eine Gruppe von Kirmanc-Zaza Intellektuellen, die sich zur Liga für Freiheit der Kirmanc/Zaza-Dimili zusammengeschlossen haben, erklärt in ihrem Programm: Die Heimat von uns Kirmanc/Zaza befindet sich unter der Herrschaft der Türken. Die Existenz unserer Identität, Sprache und Kultur ist akut bedroht. Wir patriotischen Kirmanc/Zaza, schlossen uns daher zusammen, um dem entgegen zu wirken. Zu diesem Zweck gründen wir die Liga für die Emanzipation der Kirmanc/Zaza-Dimili. Die Liga für die Freiheit der Kirmanc/Zaza-Dimili setzt sich für einen Autonomiestatus für Dersim.
Das dezentrale Prinzip bildet die Grundlage unserer Aktivität. Der Beitritt in die Liga und der Austritt aus dieser ist freiwillig...
Wir treten für ein pluralistisches Gesellschaftssystem und eine parlamentarische Demokratie ein. Die Grundlage unseres politischen Gesellschaftssystem soll die Rechtsstaatlichkeit sein. Wir wollen keine absolute Einheitlichkeit in Religion, Ideologie, Partei und Politik. ...
Wir wollen eine laizistische Gesellschaft. Die Religion ist die Privatangelegenheit des Individiums....
Wir befürworten die Gleichstellung von Mann und Frau, die Achtung der Kinderrechte und die Einhaltung der Menschenrechte.
Der Schutz von Tier und Natur muß eingehalten werden. [Siehe: Das Programm von Serbestiye, Mannheim 1997]

1] M. Kalman, Belge ve tanýklarý ile Dersim Direniþleri (Dersim und sein Widerstand mit Beleg und Zeugen], Istanbul, 1995, S.81
2] N. Hakki, Großgrundbesitzer und Dersim, Ankara 1931, S. 30
3] Vgl. J.Roth, Geographie der Unterdrückten, Hamburg 1978, S.121
4] Vgl. von Osten, 1956, s. 31 und Du Ry, 1988, S.169f in K.Aktas, Dersim..., S.3
5] Vgl. Minorsky, aus Seyfi Cengiz, Kirmanc, Kizilbaslar ve Zazalar, 1995
6] Vgl. Kehl-Brodgi, K., Die Kizilbas/Aleviten, ..., 1988, Berlin, 29
7]Vgl. N. Hakki, Derebeyi ve Dersim, Ankara 1931
8]Vgl. H. Çaðlayan, Die Schwäche der türkischen Arbeiterbewegung im Kontext der nationalen Bewegung, Frankfurt/M, 1995, S. 150, V. Timiroðlu, Dersim Tarihi, Die Geschichte Dersims] Ankara, 1991, S. 14
9] Vgl. P. J. Bumke, Kizilbas-Kurden in Dersim..., in Anthropos, 1997, S. 531
10] Vgl. L. Molyneux-Seel, A Journey in Dersim. Desmala Sure, Nr. 2
11]Vgl. Garo Sasuni, ”Kürt Ulusal Hareketleri ve Ermeni-Kürt Ýliþkileri”=Die kurdischen nationalen Bewegungen und kurdisch-armenische Beziehungen, Stockholm, 1986, S. 121, 153
12] Vgl. Dr. M. N. Dersimi, ”Kürdistan Tarihinde Dersim”, Dersim in der Geschichte Kurdistans, Köln, 1988, S. 234, H. Çaðlayan, a. a. O. , S. 151
13] Vgl., Dr. M. N. Dersimi, a. a. O, S. 214
14] Vgl. Dr. Þivan, Kürt Milli Hareketleri..., Stockholm, 1975, S. 91
15] Vgl. G. Deschner, Die Kurden , Erlangen, 1990, S. 97, Dr. M. N. Dersim, a. a. O., S. 259
16] G. Deschner, a. a. O., S. 99 und H. Çaðlayan, a. a. O. S. 259-260
17]Vgl. Ý. Beþikçi, a. a. O. S. 69 aus H. Çaðlayan, a. a. O. S. 260
18] Vgl. Nokta, Nr. 25, 28 Juni, 1987, S. 18
19] H. Çaðlayan, a. a. O., S.260-261
20] Vgl. I. Beþikçi, a. a. O., S.. 69
21] Vgl. Dr. Þivan, Kürt Milli Hareketleri ... (Die kurdische nationalen Bewegungen...], Stockholm, 1975, S. 99
22] M. Wimmer, ...Brennpunkt: Die Kurden. ..., 1991, Vgl. K. Aktaþ, Ethnizität: Ethnische und kulturelle Identität der alevitischen Zaza in Dersim, 1997, S. 580
23] Vgl. Berhem, Stockholm, 1990, Nr. 7
24] Vgl., Doris Eckhardt-Aktas, Beziehungsweise Frauen, Frankfut/M, 1993, S. 16
25] Vgl. J. Roth, u. a., Geographie der Unterdrückten, Hamburg, 1978, S.121-122
26] Vgl. Munzýr Comerd, ”Yitiqatê Dersými de Duzgýn; Duzgýn Bava in Dersims Glaube, Ware, Nr. 11, September 1997, S. 18 ff. Munzýr Comerd informiert ausführlich über Dersims
Glaube.
27] Vgl. J. Roth u.a., a. a. O., S.135-136, D. Eckardt-Aktas, a. a. O., S. 17-18, D. Yüksel Özdemir, Al Glüm, April/Mai 1998, Nr. 12, S. 2-4]
28] Vgl. S. Cengiz, Kýrmanclar, Kýzýlbaþlar ve Zazalar, London 1995, S. 37]
29] Siehe dazu Munzýr Comerd in Ware Nr. 11, September 1997 und S. Çiya, Dersim Yazýlarý (Dersim Schriften), Istanbul, 1998, S. 91
30] Vgl. in S. Cengiz, a. a. O., S. 37-39 30.
Seyfi Cengiz differenziert die Dersimer auch von Zaza, obwohl sie wahrscheinlich von gleicher Herkunft sind und die gleiche Sprache sprechen. Die Differenz zwischen Aleviten und Sunniten haben dieses Volk kulturell in zwei verschiedene Volksgruppen gespalten. Die Aleviten nennen sich Kýrmanc und ihre Sprache Kýrmancki, bzw. Dersimki und die sunnitische Gruppe nennt sich Zaza und ihre Sprache Zazaki. Vgl. Sefi Cengiz, Dersim ve Dersimli=Dersim und die Dersimer, London, 1995, S.7ff
31] Siehe dazu: Karl Hadank, Mundarten der Zaza..., Berlin 1932, T. Todd, A Grammer of Dilili (Zaza], Universitiy of Michigan, 1995
32] Vgl. H. Çaðlayan, a. a. O., S. 272
33] Vgl. Ware, 1994, Nr. 6, S. 44-45
34] Vgl. Berhem, 1992, Nr. 3, S. 8
35] Siehe Perê Sodiri, Kurdischer Nationalstaat, in Ware Nr. 8, Mai 1995, S. 69.
36] Vgl. Zeitschrift Dersim, Nr. 7, Mai 1998, S. 12
37] Siehe dazu Zeitschrift Dersim Nr. 1, 1995
38] Vgl. Netherlans Kurdistans Society, Amsterdam 1995
39] Vgl. Zwangsräumung und Zerstörung von Dörfern in Dersim ..., Amsterdam, 1995
40] Vgl. Die Brücke, Nr. 72, Juni/Juli/ August 1993 und Ware Nr. 3-4, 1993, S. 67
Die Kýrmanc/Zaza-Zeitschrift ”WARE” behauptet sogar, daß in der Türkei ca. 5 bis 8 Millionen Kýrmanc /Zaza leben und jeder sechste Migrant aus der Türkei ein Zaza-sprechender (Dimili) sei. Das würde heißen, daß ca 300.000 Zazas in der BRD leben. Die Zaza Zeitschrift ”Raþtiye” (Wahrheit) schreibt, daß 4 bis 6 Millionen Zaza auf der Welt leben und davon gut die Hälfte im Ausland (einschließlich Türkei). Ungefähr 15% der in der BRD lebenden ImmigratInnen und Flüchtlinge aus der Türkei seien Kýrmac/Zaza. (300.000).
41] Zwangsräumung und Zerstörung von Dörfern in Dersim..., Netherlands Kurdistan Society, Amsterdam, 1995, S.1