Kahraman Gündüzkanat




Die Dimili Ethnizität im Spiegel des türkischen Erziehungsystems

(Vortrag vom 6. Mai 1996 / Veyvê Kitavu


 

 

Ich möchte sie ganz herzlich begrüßen, daß so viele an dieser Veranstaltung teilgenommen haben. Meine persönliche Motivation über dieses Thema möchte ich kurz darstellen. Als Angehöriger der ethnischen Gruppe der Dimili (Kirmanc-Zaza), die eine eigene Sprache besitzt, betrachte ich meine (Bildungs-) Geschichte als Teil der Geschichte meiner Herkunftsgruppe. Ich betrachte mich als Opfer des Muttersprachenverbotes in den für mich zuständig gewesenen Schulen. Meine schulische Bildung fand in einer mir fremden Sprache statt, deren Begriffe und Inhalte von einer fremden, höheren Macht bestimmt waren.

Sowohl meine Grundschul- wie auch meine Gymnasialausbildung habe ich in einer staatlich verordneten Sprache abschließen müssen. Die Reflexion dieser Arbeit hat mich u. a. dazu veranlaßt, über die Geschichte und das Schicksal meiner ethnischen Gruppe zu schreiben - in einer weiteren, für mich fremden, aber von mir freiwillig gewählten und erlernten Sprache.

Auf der Erde haben schon viele Völker gelebt, die heute nicht mehr existieren. Authentische Überlieferungen haben wir nur von denjenigen Völkern, welche ihre Sprache und ihre Geschichte -für uns verständlich- verschriftlicht hinterlassen haben. Gerade heute drohen zahlreiche ethnische Gruppen, die nicht imstande sind, schriftlich Zeugnis von ihrer Geschichte abzulegen, aus der Kommunikation ausgeschlossen, ausgelöscht und vergessen zu werden. Kunde von ihnen bleibt nur im Urteil ihnen überlegener ethnischer, völkischer und staatlicher Verbände. Gerade auch die Sprache Zazaki ist darauf angewiesen, daß sie als lebendige gesprochene Sprache und als Schriftsprache in einem Bildungssystem gleichermaßen tradiert und bewahrt wird. Ich will aufzeigen, welche Rolle die Institutionen, besonders die Schulen und ihre öffentlichen Träger dabei einnehmen.

Das türkische Erziehungssystem

Im Osmanischen Reich hat es ein einheitliches Bildungswesen nicht gegeben. An den Schulen die meist religiöser Gründung waren und „Medrese„ genannt wurden, wurde nur Religion Moral und Koran gelehrt.. So trug die Erziehung einen sunniitisch orientierten Religiösen Charakter. Weitere Unterrichtsgegenstände waren die Grammatik und Syntax der arabischen Sprache, Logik, Redekunst, sowie die Lehre von Recht und Theologie (Scheria).

Die Kemalisten wollten unbedingt das türkische Bildungswesen im Sinne der Europäisierung modernisieren. Die Medresen wurden abgeschafft, es wurden Volksschulen, Mittelschulen, Oberschulen und darauf aufbauende Hochschulen eröffnet. Erstmal gab es auch Handelsschulen und Gewerbeschulen, für die auch Vorbilder in Deutschland herangezogen wurden .

Die Schulpolitik unter Kemal Atatürk kann durch zwei Tendenzen charakterisiert werden.

1- Verbesserung des Bildungswesens. Bekämpfung von Analphabetentum, Hinführung an den wirtschaftlichen und sozialen Standard Europas.

2- Über die Schule als Pflichtorganisation den dominierenden Einfluß der islamischen Kultur in der Gesellschaft zu brechen, damit westliche Wissenschaft und das westliche Denken ins Leben der Türken Eingang finden würde.

Eine diese zwei Elemente ergeben eine Politik was man in Deutschland als Zuckerbrot und Peitsche bezeichnet. Einerseits staatliche Bildungsversprechen für alle, aber Bekämpfung aller Abweichungen. Der Nationalismus sollte zum Bindeglied unterschiedlichster Interessen werden. An den Schulen wurde er zum übergeordneten Lehrplan und Lehrziel erhoben.

Das türkische Bildungssystem in den Dimili-Gebieten.

Ich möchte hier darstellen, was die Nationalisierungspolitik von Atatürk für die Volksgruppe der Dimili für Konsequenzen hatte. In den Dimili-Gebieten hat es auch Medresen (Schulen) gegeben. Diese Schulen haben immer die Funktion gehabt, die Osmanisch sunniitische Kultur und Herrschaft in Dersim zu repräsentieren. Traditionell kannten die alevitische Dimili nicht die Institutionen wie die von schulischer Ausbildung und zwar vor allem schon deswegen, weil es keine Berufe und Ämter gab, für die schulische Ausbildung Voraussetzung gewesen wäre. Das bedeutet aber nicht, daß es keine organisierte Wissensvermittlung gegeben hätte. Sie fand zum einem in Familien statt, wo die Kenntnisse von Generation zu Generation weitergegeben worden sind. Zum anderen gab es eine alevitische Priesterschaft die „Pir“ genannt worden sind, die eine Rolle als kulturelle und religiöse Bewahrer hatten, die auch in der Familie weitergegeben wurde.

„Wir müssen zeigen, daß der Krieg in Kurdistan und Dersim nicht ein innenpolitisches Problem ist, sondern eine Auseinandersetzung des Überlebens gewachsener gleichwertiger Kulturen. Wir müssen den Dialog um die Gleichberechtigung ethnischer Gruppen einfordern“

Als die Beamten und Militärs von Atatürk begannen den Osten des Landes unter Kontrolle zu bringen, stießen sie auf organisierten Widerstand, dessen Ziel es war, sowohl die administrative als auch die kulturelle Autonomie zu bewahren. Das galt natürlich auch für die Schulen. Die türkische Bildungspolitik konnte sich erst durchsetzen, nachdem die Aufstände von 1937 niedergeschlagen wurden, und diejenigen Dimili, die die kulturelle und politische Öffentlichkeit gebildet hatten, eingesperrt oder getötet wurden. Die Sprache wurde verboten, die türkischen Lehrer folgten den türkischen Soldaten. Es gab dann Bestrebungen Dersim zu befrieden um das Land nicht ständig militärisch besetzt halten zu müssen. Dazu sollte eine Elite im Sinne der türkischen Kulturvorstellungen ausgebildet werden und dann wichtige Positionen übernehmen, sie müßten aus der Familie hinaus und kamen Internatschulen. Sie wurden nach Ideen der Reformpädagogik betrieben, eine der wichtigen Elemente dieser sogenannte Dorfschulen war die Volksschullehrerausbildung . Und zwar mit dem Ziel, daß die ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrer nicht in die Städte, sondern in die Dörfer zurück gehen.

Aktuelle Entwicklung

Ich möchte mit eine Rückschau beginnen, was aus der Bildungspolitik von Atatürk geworden ist. Die Dorfinstitute mit ihrem recht großen pädagogischen Spielraum wurden nach zwanzig Jahren vom Staat geschlossen. Vor allem in den 60er und 70er Jahren wurden viele Schulen auf dem ländlichen Gebiet gebaut. Sie wurden sehr zentral von Ankara aus geführt. Ziel war die Integration, zwar nicht in die Gesellschaft, aber in den türkischen Staat. Ich will erklären, was ich damit meine. In meiner schulischen Ausbildung habe ich gelernt, daß der türkische Staat das Recht hat zu definieren, wie die Gesellschaft auszusehen hat. Das eigene gesellschaftliche Selbstbild der Dimili soll von der Geschichte abgeschnitten werden. Prinzipiell wurde beigebracht, daß die eigenen Traditionen minderwertig sind. Nur der isolierte Dimili kann ein „guter Türke“ sein. Die Kinder wuchsen in zwei Welten auf, in der Schule als Türken und zu Hause als Dimili. In den Städten, wo auch viele Dimili leben sah dies schon ganz anders aus. Wo eine Mehrheitlich türkische Umgebung bestand wurde sich viel leichter angepaßt. So eine Entwicklung möchte die türkische Regierung auch in den Dimili Gebieten endlich durchsetzen. Dazu wird wieder wie in den 30er Jahren Krieg geführt. Die Integration Politik gilt als gescheitert, dazu möchte ich eine ausdrucksvolle Statistik vorstellen. Diese zeigt , daß die Erziehungspolitik überflüssig geworden ist, weil mit militärischen Zwangsmitteln gearbeitet wird. Im Jahre 1991-92 es waren in Dersim 342 Grundschulen vorhanden. Bei diesem Schulen waren 712 Lehrer tätig . Die Schülerzahl betrug 15859. Der Gouverneur von Dersim berichtete am 28.April 1994 bei der Zeitung Cumhuriyet, daß wegen des Krieges von diesem Schulen 273 geschlossen sind. Die Regierung berief sich zwar darauf, die Schulen offen halten zu wollen., was aber spätestens mit der Zwangsvertreibung zahlreicher Dorfgemeinschaften als Propaganda offenkundig geworden ist.



Da stellt sich die Frage was für eine bildungspolitische Perspektive für die Dimili vorhanden ist, wo doch die Grundlagen für kulturelle Entwicklung systematisch zerstört werden sollen. Gerade weil eines der Ziele sich im Kriegszustand befindet. Die kulturelle Identität der Dimili zu brechen muß das kulturelle Erbe der Dimili stärker zum politischen Faktor gemacht werden. Wir müssen zeigen, daß der Krieg in Kurdistan und Dersim nicht ein innenpolitisches Problem ist, sondern eine Auseinandersetzung des Überlebens gewachsener gleichwertiger Kulturen. Wir müssen den Dialog um die Gleichberechtigung ethnischer Gruppen einfordern. Eine besondere Rolle wäre, die hier in Deutschland lebenden Dimili müßten der deutschen Regierung Druck machen, daß sie nicht mehr länger den Konflikt aus der Sicht der türkischen Regierung bewerten sollte. In den letzen Jahren wurde zunehmend kurdenfeindliche Politik gemacht. Völlig außer Acht geraten dabei die Interessen der bäuerlichen Bevölkerung, die zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen werden und ihre Kultur vielleicht für immer verlieren. Die Hauptschuld trägt die türkische Regierung.

Wir müssen klar machen, daß die Wurzeln des Konflikts politische und kulturelle Unterdrückung sind. Und das Bewußtsein unter der Bevölkerung stärken, daß die Dimili ihre legitime Rechte und ihre Tradition verteidigen. Dazu muß zuerst einmal das Bewußtsein unter den Dimili von den Werten der eigenen Kultur verstärkt werden. Die Dimili in Westeuropa haben auch die Aufgabe die Kultur ihrer Herkunftsgebiete mit den modernen Einflüssen der Gesellschaft hier im Westen in Vereinbarung zu bringen. Wir müssen bedenken, daß der Krieg in Dersim die traditionelle Übermittlung der praktischen Kultur stark bedroht. Jedes Dorf, das zerstört wird bedeutet kaum zu reparierender kultureller Verlust.

Es wird auch nötig sein, daß viele Menschen aus Europa wieder zurück gehen und ihre Erfahrungen im Westen mit der Situation dort in Einklang bringen.

Die allererste Forderung müßte die bedingunglose Beendigung des Krieges der türkischen Regierung sein. Es müssen auch schon Konzepte entwickelt werden, wie Dersim nach dem Krieg wiederaufgebaut und entwickelt werden kann. Dazu gehört in meinen Augen eine kulturelle Autonomie Dersims und die traditionelle Kultur muß Eingang in die Institutionen finden. Dazu gehört auch die Schule.

Ich vertrete die These, daß die türkische Erziehungspolitik und Militärpolitik in Dersim bis heute einer gemeinsamen Zielsetzung unterliegen, nämlich der Durchsetzung zentraler nationaler Ziele. Sie behält vor zur welcher Politik sie greift. Wir brauchen eine dezentrale Politik, die die beteiligten zum Dialog und Einigung auf friedlichem Wege zwingt. Ansatzpunkte dafür lassen sich in der Geschichte der Dimili, der Kurden und Türken und andere ethnischen Gruppen finden.

W E L A T

Da welat welat welat welat, welat çiqa sireno

Da welat welat welat welat, welat çiqa sireno

Hal be hal deste mordemi coru ci ra nêbeno

Hal be hal deste mordemi coru ci ra nêbeno

Welat welat welat welat welat

Welat çiqa sireno

Hal be hal deste mordemi coru ci ra nêbeno

Sey Riza ewro bêrdo, tersa mi ke darde kene

Sey Riza ewro bêrdo, tersa mi ke darde kene

Vano xatir be sima, êndi reyna ez nêeno

Vano xatir be sima, êndi reyna ez nêeno

Welat welat welat welat welat

Welat çiqa sireno

Hal be hal deste mordemi coru ci ra nêbeno

Zuqum na Xarpeto, ti vana xêrepito

Termas na Xarpeto, ti vana xêrepito

Dare na ro, zalimone sare Tirko

Dare na ro, zalimone sare Tirko

Welat welat welat welat welat

Welat çiqa sireno

Hal be hal deste mordemi coru ci ra nêbeno

H E I M A T

Ach Heimat Heimat Heimat Heimat, wie süss ist die Heimat

Ach Heimat Heimat Heimat Heimat, wie süss ist die Heimat

Man kann sich von ihr nicht so einfach trennen

Man kann sich von ihr nicht so einfach trennen

Ach Heimat Heimat Heimat Heimat Heimat

Wie süss ist die Heimat

Man kann sich von ihr nicht so einfach trennen

Sey Riza1 wurde heute verhaftet, ich habe angst, er wird hingerichtet

Sey Riza wurde heute verhaftet, ich habe angst, er wird hingerichtet

Er, Sey Riza, sagt "Bleibt wohl, ich komme nicht wieder!"

Er, Sey Riza, sagt "Bleibt wohl, ich komme nicht wieder!"

Ach Heimat Heimat Heimat Heimat Heimat

Wie süss ist die Heimat

Man kann sich von ihr nicht so einfach trennen

Diese verdammte Xarpet2 sieht wie verfault aus

Diese verfluchte Xarpet sieht wie verfault aus

Die türkischen Sadisten haben schon Galgen aufgestellt

Die türkischen Sadisten haben schon Galgen aufgestellt

Ach Heimat Heimat Heimat Heimat Heimat

Wie süss ist die Heimat

Man kann sich von ihr nicht so einfach trennen

Hunêrkar / Künstler : M. Ç a p a n

Übersetzung - Zaza/Deutsch : A. Azedeylam

X E C E

Erê Xecê ti jê asma, gile kou de tip teynara

Bê a nia bê, bê düste mi, rost bêro na, na çime mi

Xecê, Xecê, Xecê, Xecê

Xecê, Xecê, Xecê, Xecê

Xece yena sona, heni dür vindena

Jê kile kota zerre mi, deznena

Erê Xecê to remnon, asme ke vêjiya bê peyê bon

Hin qayte zerre çime mi meke, xo darde kon na xo kison

Xecê, Xecê, Xecê, Xecê

Xecê, Xecê, Xecê, Xecê

Xece yena sona, heni dür vindena

Jê kile kuta zerrê mi, deznena

X E C E3

Du Xece, du bist ganz allein wie der Mond auf der Spitze des Berges

Komm, komm auf meine Höhe, damit dein Licht meine Augen erreicht

Xecê, Xecê, Xecê, Xecê

Xecê, Xecê, Xecê, Xecê

Xecê kommt und geht, bleibt fern

Xecê's Gang dringt in mich wie eine Flamme, verbrennt mir das Herz

Du Xecê, ich werde dich entführen, komm hinters Haus, wenn der Mond aufgeht

Schaue nicht so in meine Augen, ich werde mich aufhängen, mich töten

Xecê, Xecê, Xecê, Xecê

Xecê, Xecê, Xecê, Xecê

Xece kommt und geht, bleibt fern

Xeces Gang dringt in mich wie eine Flamme, verbrennt mir das Herz

Hunêrkar / Künstler: K. K a h r a m a n

Bemerkungen:

1 Sey Riza war sein Leben lang der Zaza-Volksführer der bis 1938 halbunabhängigen Region DERSIM ("Tunceli", ...) /Ostanatolien. Unter seiner Führung begann im Jahre 1935 der letzte Zaza-Volksaufstand von Dersim gegen den zunehmenden Terror des türkischen Kolonialismus. Die blutrünstige türkische Armee schlug im Jahre 1938 auf Befehl von Saatspräsident Mustafa Kemal Atatürk diesen Aufstand nieder und massakrierte dabei über 50.000 Zaza-Zivilisten. Tausende von ihnen wurden in Strohhäuser eingesperrt und am lebendigen Leibe verbrannt.

2Xarpet (s Elazi{) ist eine Zaza-Stadt in Ostanatolien, in der Sey Riza und seine 10 Kampfgefährten am 18.11.1937 von türkischen Barbaren hingerichtet wurden. Sey Riza war bei seiner Hinrichtung 75 Jahre alt.

3Xecê ist der Name eines Zaza-Mädchens aus einem Bergdorf in Z a z a l a n d. Ein Junge aus dem gleichen Dorfe hat sich hoffnungslos in sie verliebt. Kemal Kahraman, der mit seinem Bruder Metin zusammen moderne Zaza-Musik macht, besingt die Gefühle, Wünsche und den "Entführungsplan" eines von der Melancholie befallenen Dorfjungen. Bei den Zazas kann ein Junge ein Mädchen mit ihrem Einverständnis entführen, d.h. mit ihr durchbrennen, wenn die Eltern des Mädchens und/oder des Jungen sich gegen die Liebe bzw. den Willen der jungen Leute stellen.