Die Entwicklung der Zaza-Sprache von Dr. phil. Zilfi Selcan

Dr. Zilfi Selcan



Die Entwicklung der Zaza-Sprache von Dr. phil. Zilfi Selcan


 

 

1. Sprachraum
Der (traditionelle) Sprachraum des Zaza befindet sich in Ostanatolien... Das Verbreitungsgebiet umfaßt im Nordwesten den Kreis Zara (Sivas), im Westen Çemisgezege (Dersim/Tunceli), im Süden Siverege (Urfa), im Südosten Mutki und Tatvan (Bitlis), im Osten Varto/Gimgim (Mus) und Xinis (Erzurum) und im Norden Tercan und Çayirliye (Erzincan). In den Kerngebieten Dersim und Bingöl (Çewlig), sowie in manchen Kreisen des Randgebiets, z. B. Zara, Siverege und Varto ist Zaza die dominierende Sprache...
... Nach meiner Abschätzung aufgrund des Zensus 1981 unter Berücksichtigung des Sprachraums und der Metropole dürfte die Zahl der Zaza-Sprecher bis zu 3 Millionen betragen...

2. Volks- und Sprachnamen
Wie die Deutschen sich mit verschiedenen lokalen Namen wie Preuße, Sachse, Bayer, Westfale usw. bezeichnen, so verwenden auch die Zaza für die ethnische Selbstbezeichnung mehrere regionale Volksnamen: Zaza, Kirmanc, Dimili, Gini. Das am meisten, d. h. überregional und international verbreitete Ethnonym ist Zaza. ...

4. Die Sprachpolitik und die Politisierung der Sprachen in der Türkei
Bei den zahlreichen ungelösten ethnischen Problemen im Nahen Osten und insbesondere in der Türkei spielen die Sprachen dabei eine zentrale Rolle. Wie die iranischen Regierungen das Kurdische und andere Sprachen zu einem Dialekt des Persischen erklärten, so bezeichneten türkische staatliche Institutionen bis 1992 das Zaza und das Kurmandji (Kirmandji) als Dialekte des Türkischen. Kurdische Autoren, Politiker und Parteien dagegen behaupten aus politischen Gründen, daß das Zaza u. a. Sprachen Dialekte des Kurdischen seien. In sprachhistorischer Hinsicht wird die Unterscheidung von Zaza und ‘Kurdisch’ (Kurmandji, Sorani) von allen Iranisten einstimmig anerkannt.... Die Zaza sind nicht nur dem türkischen, sondern auch dem kurdischen Identitätsaufzwang ausgesetzt. So fordern kurdische Lehrer auf ihrer Tagung in München öffentlich: „Man müßte so die Zaza zur Ãœbernahme von Kurmanci motivieren.” Obwohl die türkische Regierung ihre Haltung 1992, auch wenn nur durch ein bloßes Lippenbekenntnis, aufgab, setzen kurdische Agitatoren, Politiker und Autoren ihre Vereinnahmung mit massiver Propaganda nach wie vor unermüdlich fort, indem sie die Zaza zu ‘Kurden’, deren Sprache zum ‘kurdischen Dialekt’, und ihre Heimat zu ‘Kurdistan’ erklären. Solche, die sich zu ihrer eigenständigen ethnischen und kulturellen Zaza-Identität bekennen, werden verleumdet, bedroht und mißhandelt, wie wir oft erleben. Auch gewisse westliche Autoren, die sich mit den Kurden befassen, wiederholen die kurdischen Behauptungen in verschiedenen Varianten, ignorieren die ethnische und kulturelle Eigenständigkeit der Zaza und vergessen dabei deren Recht auf Freiheit und Demokratie. In ihren Publikationen erkennen sie einerseits die sprachhistorischen Unterschiede zwischen dem Zaza und dem Kurmandji (‘Kurdisch’) in Randbemerkungen und Fußnoten zwar an, andererseits aber, stellen sie es wiederum in Frage, indem sie durch irreführende Scheinargumente spekulieren und versuchen, es zu rechtfertigen; dabei wird auch der von kurdischen Politikern und Organisationen erhobene territoriale Anspruch auf die Heimat der Zaza-Bevölkerung, das Zaza-Land, zu unrecht unterstützt und fälschlich als sogenanntes ‘Kurdistan’ propagiert. Statt die elementaren politischen und kulturellen Menschenrechte der Zaza zu respektieren und zu unterstützen, werden diese ignoriert und permanent den Kurden untergeordnet...

8. Von der Bevormundung zur Selbständigkeit
Es wurde bereits erwähnt wie die Zaza-Sprache zu einem politischen Spielball gemacht wurde und auf welche Weise verschiedene nationalistische Kräfte versuchten bzw. immer noch versuchen, sie für sich zu beanspruchen. In diesem Zusammenhang weist die Entwicklungsgeschichte des Zaza als Schriftsprache auch eine vielseitige sprachpolitische Dimension auf, nämlich einerseits die politisch-gesellschaftlichen Umstände in der Türkei und andererseits das politisch-kulturelle Verhältnis der Zaza zu den Kurden bzw. zu den kurdischen politischen Organisationen. Dabei ist zu betonen, daß die oben aufgeführten Periodika überwiegend von bestimmten kurdischen politischen Organisationen, an denen sich auch Zaza teilweise beteiligten oder noch beteiligen, herausgegeben wurden oder werden. Innerhalb dieser Gruppierungen stellen die Zaza eine Minderheit dar. Durch die Auffassung der Kurmandj (d. i. die Selbstbezeichnung der Kurden) wird das Zaza zu einem Dialekt des ‘Kurdischen’ degradiert; folglich, so wird argumentiert, hätten die Zaza das Kurmandji zu lernen, weil sie eine Minderheit seien. Dies zeigt ganz deutlich, daß die politische, kulturelle und sprachliche Bevormundung der Zaza-Sprache durch kurdische Nationalisten eindeutig auf ihre Verdrängung und Ersetzung durch das Kurmandji hinausläuft. Das ist auch der Grund dafür gewesen, warum in den oben genannten Periodika trotz aller Bestrebungen nur unregelmäßig, und im Vergleich zu Kurmandji nur in sehr geringerem Maße in Zaza publiziert werden konnte....

9. Die Wende nach 1980
In der Periode 1970-80, welche durch heftige politisch-kulturelle Bewegungen gekennzeichnet war, machten die Zaza sowohl innerhalb kurdischer als auch türkischer politischer Gruppierungen die Erfahrung, von diesen ständig vereinnahmt, bevormundet und benachteiligt zu werden. Einerseits durch diese bittere Erfahrung und andererseits durch die Kenntniserweiterung über die Eigenständigkeit ihrer Sprache, Kultur und Geschichte in internationalen wissenschaftlichen Werken gelangten die Zaza zunehmend zu der Einsicht, sich von der erdrückenden kurdischen Vereinnahmung befreien zu müssen. Nach etwa zehnjähriger Erfahrung bis 1980 wuchs das Bewußtsein für die selbständige ethnische und kulturelle Identität der Zaza, so daß die kulturelle, ethnische und politische Eigenständigkeit zunehmend artikuliert wurde. So gründeten die Zaza zum ersten Mal politische und kulturelle Zeitschriften, in denen die Bewahrung und Selbständigkeit ihrer ethnischen und kulturellen Identität auch politisch diskutiert wurde.... Sie lehnen die politische und kulturelle Vereinnahmung durch kurdische Organisationen ab, die das Zaza immer noch als einen Dialekt des Kurdischen bezeichnen und die Zaza zur Ãœbernahme von Kurdisch oder besser Kurmandji drängen... So wurde in Berlin zum ersten Mal eine europaweite große Musikveranstaltung unter dem Titel Dersim Kültür Senligi. organisiert, welche zwischen Dez. 1992 - Jan. 1993 stattfinden sollte. Dies wurde jedoch von der kurdischen Organisation PKK unter massiver Bedrohung und Terrorisierung der Veranstalter sowie der teilnehmenden Künstler verhindert...