Manfred Backhausen


 


SASA-ALEVITEN IN UND UM ERZINCAN


In diesem Beitrag soll dargestellt werden, wie in der heutigen Türkei die Sasa-Aleviten leben. Wer heute etwas von der Region Erzincan hört, denkt zwangsläufig zuerst einmal an das schwere Erdbeben vom März 992, weiß aber zumeist nicht, was sich in diesem Raume historisch, soziologisch, kulturell, religiös, ökonomisch, politisch und ökologisch abgespielt hat. Reisende in diese Gegend erwarten zumeist nur, in eine relativ uninteressante, historisch unbewegliche Ecke Anatoliens zu kommen.

Und doch erfaßt den Besucher eine unerhörte Dramatik, welche in den nachfolgenden Zeilen stichwortartig dargeboten werden sollen:

1) Im Jahre 915 wird die armenische Bevölkerung von Stadt und Region Erzincan in einem Massaker ausgelöscht. Hier soll nicht über Recht oder Unrecht geurteilt werden, sondern lediglich eine Tatsache festgehalten werden, welche sowohl für die Alevi-Dörfer, als auch für die Dörfer der Sunniten Folgen hatte und hat.

2) In den freiwerdenden Siedlungsraum aufgelassener armenischer Dörfer rücken Alevi- und Sunna-Dörfler nach, u.a. bedrängt durch eine hohe Geburtenzahl. Dabei besetzten die Aleviten den Südrand des Erzincan-Beckens und die Firat-Insel. Am Beispiel von Mahmutlu Köyü sehen wir, daß nicht alleine türkische Aleviten, sondern auch Sasa-Aleviten aus der Landschaft DERSIM im zentralen Tunceli in die verlassenen Armenier-Dörfer einziehen. Die Sasa Aleviten türkisieren sich im Laufe der Zeit, wie insbesondere der Ort Mahmutlu Köyü zeigt.

3) Im Jahre 939 wird durch Erdbeben die gesamte alte Stadt Erzincan samt Bevölkerung vernichtet, wobei es 45.000 Tote gegeben haben soll. Und wieder ist durch einen Schicksalsschlag ein Freiraum geschaffen worden. Neu-Erzincan entsteht nicht in einer Kontinuität zur untergegangenen Stadt, sondern wiederrum rücken Sunna- und Alevi-Dörfler nach und begründen eine neue Stadt. Begründet wird diese erneute Wanderung durch einen weiteren Bevölkerungsdruck in den Dörfern.

Es wanderten alevitische Familien, etwa aus Mahmutlu Köyü und anderen Dörfern zu. Die Aleviten blieben mit etwa 45 % dennoch in der Minderheit. Zugleich bildete sich ein rechtskonservativer, von Sunniten dominierter Verwaltungsapparat heraus.

4) Erzincan wird irgendwann nach dem 2. Weltkrieg Garnisonsstadt. Eine eigene Industrie wird nicht entwickelt, somit sind die etwa 250.000 Einwohner völlig abhängig von der Armee.

5) Wiederrum bedingt durch die hohen Geburtenzahlen bringen die letzten Dekaden eine erneute Wanderungsbewegung türkischer und Sasa Aleviten aus der Region Erzincan (u.a. Divrigi und die Landschaft Tunceli) nach Erzincan, Sivas, Ankara und Istanbul. Ein Beispiel ist der bekannte alevitische Gelehrte Sinasi Koc aus dem Dorf Pertek bei Tunceli, welcher später nach Ankara verzog.

Wiederrum türkisieren sich die zugezogenen alevitischen Sasa, wobei in diesem Zusammenhang ungeklärt bleiben soll, ob sie es freiwillig oder gezwungenermaßen tun.

6) Die geschilderte Wanderungsbewegung greift ab 960, verstärkt ab 970 auf Deutschland über. Viele türkische und Sasa Aleviten aus der Region Erzincan (einschließlich Dersim) suchen ihr Glück in Deutschland, aber auch in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und Belgien. Hauptursache für diese Wanderung ist wiederrum die hohe Geburtenrate (5 - 10 Kinder). Um 984/85 kehrt ein Teil zurück, der Rest bleibt jedoch in Deutschland. Gerade in Erzincan findet man jede Menge sog. "Almancilar" (Deutschländer oder Deutschlinge), sei es in Restaurants, Cayhane (Teehaus) oder Werkstätten. Weiter muß festgestellt werden, daß ohne Unterstützung der Aleviten aus Deutschland viele Dörfer nicht mehr existieren könnten.

7) Nähere Nachforschungen über das Groß-Dorf Pülümür und die Landschaft Dersim ergeben daß Sasae Aleviten nicht allein in die türkischen Großstädte und in die Industriezentren der Bundesrepublik migriert sind, sondern auch, etwa um 970, in ländliche Gebiete Thraziens, Westanatoliens, Mittelanatoliens und des Hatays umgesiedelt worden sind. In diesen neuen Siedlungsgebieten sind sie sodann einem verstärktem Sunnitisierungs- und Türkisierungsdruck ausgesetzt worden. Beispiele hierfür sind u.a. die Dörfer Zengen zwischen Nigde und Eregli und Kirikhan im Hatay.

8) Türkische Alevi-Dörfer sind ebenso einem verstärkten Sunnitisierungsdruck ausgesetzt, da der Religionsunterricht an den Dorfschulen und im städtischen Gymnasium ausschließlich ein sunnitischer ist; weil der Staats- und Administrationsapparat von Sunniten dominiert wird und weil den Alevi-Dörfern häufig Sunni-Moscheen aufgezwungen werden!

i) Sasa Alevi-Dörfer sind zusätzlich einem Türkisierungsdruck ausgesetzt, da in den Dorfschulen Sasa keine Unterrichtssprache ist, alle Fächer werden in Türkisch unterrichtet. Dieser Druck zeitigt, wie das Dorf Pülümür zeigt, gewisse Erfolge.

10) Der Alevismus-Bektaschismus ist als lebendige, prakzizierte Religion fast erloschen. Nur der Name und Erinnerungen sind geblieben. Wie einst Jesus liegt der Alevismus in einer Felsenkammer und es stellt sich die Frage ob und wann jemand den Felsen wegrollen wird.

11) Das türkische Fernsehen und die Informationen der bereits genannten Deutschländer haben die Alevi-Dörfler keineswegs aktiver und forscher werden lassen, ganz im Gegenteil, ein absoluter Frust hat sich breit gemacht. Es wird die Frage gestellt, warum man überhaupt noch in den primitiven Dörfern wohnt. Kommt es zu Unterstützungszahlungen durch die Almancilar und man will modernisieren, vergreift man sich oft in der Zweckmäßigkeit und im Geschmack. Die begehrenswertesten Güter sind Beton, Wellblech und Autos geworden; dies gilt aber auch für die Sunni-Dörfer.

12) Die Alevi-Dörfer nutzen in keinster Weise die vorhandenen Gewässer, den Boden und das Klima. Obst- und Gemüseanbau, Teichwirtschaft, Geflügelzucht und Waldwirtschaft wären fast überall möglich. Lieber aber bleibt man auf Schaf- und Ziegenzucht beschränkt und betreibt hierzu eine radikale Entwaldung. Beispiele hierfür sind Höbök und Balyayla im Dersim. Die Dörfer in der Talebene des Firat, wie Mahmutlu Köyü bei Erzincan haben sich völlig auf Zuckerrüben spezialisiert und sind dadurch in eine totale Abhängigkeit zur Zuckerfabrik geraten. Als Fazit bleibt festzuhalten, daß die Alevi-Dörfler einen Teil ihrer ökonomischen Misere durchaus selbst verschuldet haben.

Zu diesen 12 Punkten über die Region Erzincan incl. Dersim gesellen sich drei gesamtstaatliche Ursachen, welche auf die Region und auf ihre türkischen und Sasa Aleviten ihre Auswirkungen haben:

a) Die Bevorzugung des Sunnismus durch den türkischen Staatsapparat ist ein klarer Verstoß gegen den "Kemalismus".

b) Einer Minorität wie den Sasa Aleviten, wie groß oder klein sie auch sein mag, ihre kulturelle Autonomie zu verweigern, verstößt gegen die Türkische Verfassung, Demokratie und insbesondere die Menschenrechte.

c) Die Großregion Erzincan mit Divrigi und Tunceli ist von der staatlichen Zentrale bisher total vernachlässigt worden. Aufforstungen und Staudammbau am Firat wären vonnöten, gekoppelt mit kulturbautechnischen Maßnahmen wie Obstanbau, Fischzucht, Geflügelzucht, Feldwegebau und Erosionsverhinderung für die Alevi- und Sunni-Dörfer. Dies darf aber wiederrum nicht dazu führen, daß die Aufforstung verfehlter Monokulturen bei Tunceli und der Stauseebau am Keban dazu dienen, die alevitische Bevölkerung radikal zu reduzieren, während die sunnitische Bevölkerung davon alleine den Profit davon trägt.

Die Garnison von Erzincan könnte z.B. als Arbeitsarmee für Aufforstung und Stauseebau sowie andere kulturtechnische Maßnahmen eingesetzt werden. Bis jetzt aber sitzen die Offiziere und Mannschaften in Erzincan unproduktiv und völlig nutzlos herum. Der Einsatz der Armee bei diesen wichtigen Arbeiten, könnte ein wenig die kurzsichtigen und asozialen Maßnahmen des türkischen ordoliberalen Wirtschaftssystems mildern. Wie das Erdbeben im März 992 gezeigt hat, ist der türkische Staat nicht in der Lage oder Willens dieser Region ernsthaft zu helfen.

Es bleibt zu hoffen, daß der Leser nach diesen Ausführungen einen kleinen und bescheidenen Überblick in den Alevismus-Bektaschismus gewinnen konnte. Die Palette an deutschsprachiger Literatur zu diesem Thema ist zwar immer noch sehr klein, wächst aber beständig.

Manfried Backhausen, Jahrgang 952, Diplom-Verwaltungswirt, Amtsrat im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NW in Düsseldorf; Dozent am Institut für Öffentliche Verwaltung NW in Hilden; publiziert u.a. zu den Themen Judaica, Regionalgeschichte, Genealogie und Islam.

Dieser Artikel ist ein überarbeiteter Auszug des Autors Manfred Backhausen aus seinem Buch: Alevismus - Eine Alternative zum orthodoxen Islam,

Verlag Halil-Ibrahim Cevahir, Ahlen/Westf., 992;

1) Die Armenier waren die größte geschlossenen christliche Gruppe in der Türkei.

2) Sinasi Koc ist im Jahre 990 in Deutschland verstorben, wurde aber in der Türkei beigesetzt.

3) Aleviten benutzen grundsätzlich keine Moscheen.

4) Offiziell leugnete die türkische Regierung bis 991 die Existenz sowohl des Kurdischen wie des Sasa Volkes und bezeichnete sie als "Bergtürken". Aus diesem Grunde war selbst das Zitieren von Karl-May-Texten in der Türkei verboten, was eine deutsche Journalistin schmerzlich zu spüren bekam.

5) Der Bektaschismus war lange Zeit die bekannteste Form des Alevismus.

6) Nach Ansicht des Autors lag Jesus nicht in einer Grabkammer, sondern wurde in einer Höhle vor seinen Peinigern versteckt. Von hier brach er schließlich zu seiner Wanderung auf, die ihn über Damaskus bis nach Kaschmir führte. Näheres hierzu siehe u.a. Ghulam Ahmad: Jesus starb in Indien, Verlag Der Islam, Frankfurt; Nasir Ahmad: Jesus im Qur-an, Verlag Der Islam, Frankfurt; Nasir Ahmad: Die Wahrheit über die Kreuzigung Jesu, Verlag Der Islam,Frankfurt; Jesus in Kaschmir, Verlag Der Islam, Frankfurt; Faber-Kaiser: Jesus lebte und starb in Indien; Gerald Messadie: Ein Mensch namens Jesu; Franz Alt: Starb Jesus gar nicht am Kreuz? in Bunte Illustrierte, wahrscheinlich 989; Olaf Ihlau: Das Geheimnis um den Propheten Yuz Asaf in Süddeutsche Zeitung vom 1./2. Juni 983; sowie in dem noch zu veröffentlichenden Manuskript des Autors "Die christlichen Grabstätten Jesu in Jerusalem -Grab oder Versteck?-"

7) Abgeleitet von Mustafa Kemal, der Ehrenname "Atatürk" (Vater der Türken) wurde ihm erst später verliehen. Er wurde im ehemals türkischen Saloniki geboren. Neben dem Militär waren Hauptstützen seiner laizistischen Republik die Aleviten-Bektaschiten Anatoliens. Obwohl sich nach seinem Tode alle Regierungen auf den sog. "Kemalismus" berufen, findet seit Jahrzehnten ein Verrat an eben diesem Kemalismus durch türkische Politiker und Militärs statt, was sich unter anderem in der Verfolgung der Aleviten ausdrückt. Mehr über Atatürks Ideen vermittelt u.a.: Gürbüz D. Tüfekci: Universality of Atatürk's Philosophy, Pan Matbaacilik, Ankara, 981.

8) Der Ordo-Liberalismus geht davon aus, daß alle gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen Probleme etc. ausschließlich durch die freien Kräfte des Marktes gelöst werden können bzw. müssen.

i) zu empfehlen sind:

-Anton Josef Dierl: Geschichte und Lehre des anatolischen Alevismus-Bektaschismus, Dagyeli Verlag, Frankfurt, 985 ;

-Mehmet F. Bozkurt: Das Gebot, Mystischer Weg mit einem Freund, E.B.-Verlag Rissen, Hamburg, 988;

-Gerhard Schweizer: Die Derwische, Heilige und Ketzer des Islam, Verlag Das Bergland-Buch, Salzburg, 980;

-Gerhard Schweizer: Die Janitscharen - Geheime Macht des Türkenreichs, Amalthea Verlag, Wien-München, 984;

-Manfred Backhausen: Alevismus - Eine Alternative

zum orthodoxen Islam, Verlag Halil-Ibrahim

Cevahir, Ahlen/Westf., 992;