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Sabine Neupert DÊSIM- EINE REISE DURCH DAS SCHÖNSTE

 

FREILUFT-GEFÄNGNIS DER WELT


DÊSIM- EINE REISE DURCH DAS SCHÖNSTE

 

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DÊSIM- EINE REISE DURCH DAS SCHÖNSTE
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DÊSIM- EINE REISE DURCH DAS SCHÖNSTE
FREILUFT-GEFÄNGNIS DER WELT

von Sabine Neupert

Als ich mich vor ungefähr sechs Jahren dazu entschloss, neben intensiver Beschäftigung mit dem Islam, noch eine weitere Fremdsprache zu erlernen und mich für Türkisch entschied, kam ich mit dem Begriff "Zaza" in Berührung. Denn nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass mein Türkischlehrer weder, wie ich fälschlicherweise angenommen hatte, muslimischen Glaubens war, noch türkische Wurzel hatte. Durch ihn hörte ich damals zum ersten Mal von der Existenz des zazaischen Volkes. Da die Zeit nach dem Unterricht, in der ich ihn über sein Volk befragen und er mir darüber berichten konnte, nur knapp bemessen war, recherchierte ich im Internet zunächst auf eigene Faust über die Zaza und deren Heimat Dêsim (Tunceli) im Osten Anatoliens. Bald darauf fielen mir zazaische Erzählungen in die Hände und was ich dort zu lesen bekam, gefiel mir ausnehmend gut. Im Laufe der Zeit machte ich Bekanntschaft mit weiteren Zaza, hörte auch ihnen zu und erfuhr noch mehr über die tragische Geschichte ihres Volkes. Ich hörte von ihren erduldeten, leidvollen Verfolgungen, die im 16. Jahrhundert unter den Osmanen begannen und ohne Unterlass bis in unsere Zeit, vom türkischen Militär und der PKK weitergeführt, reichen. Ich hörte über den von Mustafa Kemal befehligten Genozid 1937/38 und von den damals geschehenen Grausamkeiten, die das Volk der Zaza durchleiden musste. Ich hörte von den Folgen und Traumata des Völkermordes, die die Zaza bis heute wortwörtlich mit sich herumschleppen. Ich lernte weitere Menschen kennen, die sich auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Volk der Zaza und seiner Geschichte auseinandersetzen, sei es z.B. sprachwissenschaftlich oder auf der Ebene der Menschenrechtsarbeit. Ich hörte die zazaischen Lieder, deren Traurigkeit mich berührte, auch wenn ich die Texte nicht verstand. Ich hörte die schönen Märchen, Mythen und amüsanten Geschichten von Tieren, Heiligen und Schlitzohren. Als ich dann schließlich die Photos von Dêsim sah, von den Landschaften, den Bergen und Flüssen, von den weiten Ebenen im Frühling mit ihren Tulpen-und Hyazinthenwiesen, war der Wunsch, zu diesem Fleckchen Erde zu reisen, nicht mehr zu bändigen.

Im August 2012 war es denn endlich soweit. Zum Glück gab es an einem Tag in der Woche Direktflüge nach Elazig, sodass mir lästige Zwischenlandungen und zeitraubende Aufenthalte erspart blieben. Den Flug empfand ich als sehr angenehm, denn der Platz neben mir, in der sonst voll besetzten Maschine, blieb frei und alle liebenswerten, aber in Endlosschleife "anneeee" (Mama) rufenden, kleinen Prinzen turnten weit von mir entfernt im Bug des Flugzeugs herum. Ich lehnte mich zurück und meine Gedanken eilten voraus. Nach Dêsim und zu dem, was mich dort möglicherweise erwartete.
Dêsim, wie mein Reiseziel auf Zazaisch heißt, liegt im Osten Anatoliens und ist ein sehr bergiges Gebiet. Die nördlichen Ausläufer des Osttaurusgebirges treffen auf die südlichen Ausläufer des Schwarzmeergebirges. In der Munzurbergkette, ein Teil davon liegt im Munzur-Tal Nationalpark (Munzur Vadisi Milli Park?), erheben sich Höhen von über 3300 Metern. Nahe des Städtchens Nazimiye ragt Duzginbava auf. Vergleichbar mit dem tibetischen Kailash und dessen Bedeutung für den Buddhisten, ist dieser 2450 Meter hohe Berg allen alevitischen Zaza heilig und einer ihrer wichtigsten Pilgerorte. Peri und Pülümür, Flüsse, die in den Euphrat und seinen Stauseen münden, durchziehen die Provinz. Auch der Munzur-Fluss mit seiner Natur ist den Zaza heilig und sein Quellgebiet zu Füßen der Munzurberge gehört zu den alevitischen Wallfahrerstätten.

Obwohl ich mich auf die ersehnte Reise freute, erwuchs gleichzeitig auch ein mulmiges, ungutes Gefühl in mir, denn möglicherweise empfingen mich an meinem Ziel nicht nur friedliche, wunderschöne Landschaften. Die mir durch Schilderungen bekannt gewordenen, in Dêsim allgegenwärtigen Kontrollschikanen des türkischen Militärs geisterten durch meinen Kopf und warfen Schatten auf meine Urlaubsstimmung. Wesentlich schlimmer jedoch waren die Gedanken an die möglichen, überall lauernden Gefahren, die durch die PKK verursacht werden. Auch als harmloser Tourist musste man möglicherweise mit deren Übergriffe rechnen, denn die PKK agiert in Dêsim mit Gewalt, Entführung und Mord.

VOM FLUGHAFEN ELAZIG NACH HARPUT

Nach knapp 4 Stunden kam ich schließlich bei sengender Mittagshitze auf dem kleinen Flughafen Elazig an, wo ich von einem Bekannten empfangen wurde. Mit kleinem Gepäck im Schlepptau bahnten wir unseren Weg zum Auto durch einen Pulk von Hunderten junger und neugierig blickender Soldaten, die anscheinend auf ihren Transport zu den Kasernen warteten.
Mit über 330.000 Einwohnern ist die Stadt Elazig wesentlich größer, als ich mir bis dahin vorgestellt hatte. Um meinen Hunger zu stillen, wurde ich zunächst durch die höher gelegene Altstadt Harput und dann ins Harput Hünkar Kona?? ausgeführt. Diese ehemalige Residenz eines osmanischen Gouverneurs hat man in unserer Zeit zu einem Restaurant umgebaut und lockt nun den Besucher auf die Terrasse, um in direkter Nachbarschaft zur Harputfestung (Süt Kalesi) bei angenehm kühler Brise leckere Spießchen vom Holzkohlegrill zu genießen. Der Ausblick von dort oben hinterließ in mir einen ersten Eindruck von der Weite der Landschaft.
Anschließend ging es mit der Fähre über dem Keban-Stausee zum gegenüberliegenden Ufer in Richtung Pertek. Ich ließ mir den angenehmen Fahrtwind um die Nase wehen, genoss jedoch mit gemischten Gefühlen im warmen Nachmittagslicht das Blau des Wassers und den Blick auf die einstmals trutzige Festungsanlage, die sich seit der Überflutung der früheren Landschaft nun dem Anschein nach auf einer kleinen Insel mitten im Stausee befindet und ein trauriges Überbleibsel der ehemaligen Altstadt bildet. Schon im Flugzeug fiel mein Blick gebannt durch das kleine Fenster auf die unter mir vorübergleitenden Landstriche. Aus dieser Höhe und zu dieser Jahreszeit standen das Graubraun der Berge und Ebenen in reizvollem Kontrast zu dem intensiven Blaugrün des sich scheinbar unendlich hinziehenden Stausees. Dieser Keban-Stausee, der mich an eine kostbare Kette aus türkisfarbenen Korallen erinnerte, hat in der Realität allerdings nichts mehr mit einem Schmuckstück gemein, wenn man über die Hintergründe seiner Entstehung erfährt.
Die Provinzgrenze zwischen Elazig und Dêsim schwimmt irgendwo auf dem Wasser, sodass man sich beim Betreten des Festlandes bereits in der Provinz Dêsim befindet.


VON PERTEK NACH MAZGIRT

 

 

 

 

 

 

 

Erst kurz vor Pertek realisierte ich ganz bewusst die ersten militärischen Wachgebäude am Wegesrand oder auf den Hügeln und Bergen, obwohl es auf der Straße vor dem Stausee und dann wieder nach dessen Überquerung, beim Betreten des Festlandes ähnliche Bauten zu sehen gab. Wahrscheinlich waren sie mir zunächst nicht aufgefallen, weil ich Kontrollen des Militärs mit direkter Soldatenkonfrontation erwartet hatte. Einen Moment lang keimte in mir die Hoffnung auf, die Posten könnten verlassen sein, wären bedeutungslos geworden. Aber dies war nur ein frommer Wunsch, denn bei verlangsamtem Passieren dieser Wachanlagen und genauerem Hinsehen entpuppten sich einige der Straßenlaternen als Kameras. Der menschliche, mit Maschinengewehr bestückte Aufseher und Kontrolleur auf der Straße war demnach durch modernere Technik ersetzt worden. Der unmittelbare, furchteinflößende Kontakt mit der Obrigkeit, ich hatte noch gut die alten DDR-Grenzerfahrungen in Erinnerung, blieb mir somit erspart. Jedoch, aufgrund der Überwachungskameras, machte sich jetzt das Orwell`sche Gefühl des allgegenwärtigen Beobachtetwerdens breit. Bei genauerem Hinschauen konnte man innerhalb dieses und auch der kommenden Kontrollposten Körperkonturen wahrnehmen. Nicht, dass ich mir wichtig vorkäme oder gar Geheimnisse hütete, aber nun war ich mir ziemlich sicher, dass man über meine Schritte in Dêsim informiert sein würde.

Sicherlich fragt sich der eine oder andere Leser schon längst, warum überhaupt derartige Kontrollen stattfinden? Wie gefährlich müssen die Zaza sein, um derart überwacht zu werden? Welcher Verbrechen haben sie sich schuldig gemacht, die solches Vorgehen rechtfertigen?

Um eine mögliche Antwort zu finden, muss man ein wenig in die Geschichte der Osmanen und Safawiden zurückgehen. Die islamische Safawiden-Dynastie ist auf den als heilig angesehenen Mystiker Safi ad-Din (* 1252; † 1334) aus Ardabil, im Nordwesten Persiens, zurückzuführen, der einen unorthodoxen Sufi- und Derwischorden gegründet hatte. Mitte des 15. Jahrhunderts, unter Scheich Junayd, verbreitete sich die Ordenslehre steppenbrandartig und nahm verschiedenste religiöse Elemente der Bevölkerungen auf. Der Orden begann im Laufe der Zeit auch weltliche Macht auszuüben und unter Schah Ismail I. (* 1484; † 1524) entwickelte sich Persien zu einem mächtigen und schiitisch gemäßigten Staat. Die Anhänger der safawidischen, religiösen Schulen nannten sich nach ihrer für sie typischen roten Kopfbedeckung "Qizilbas", was so viel wie "Rotmützen" oder "Rotköpfe" bedeutete. Ismail I. wurde als Mahdi, dem Messias vergleichbar, gefeiert und galt als Hoffnungsträger und Bewahrer vor der osmanisch, sunnitischen Bedrohung. Während seiner Regentschaft entwickelten sich die Qizilbas zu einer Art Militäraristokratie.
Schließlich kam es 1514 n. Chr. zur Schlacht von Çald?ran, aus der die mit den Kurden verbündeten Osmanen, unter Selim I., als Sieger gegen die Safawiden hervorgingen. Obwohl die Safawiden mit großer Motivation und siegesgewiss in den Kampf gezogen waren, konnten sie mit ihren einfachen Waffen nichts gegen die kanonenbestückte Artillerie der Osmanen ausrichten. Durch die Niederlage war in gewisser Weise auch das Schicksal der Zaza besiegelt. Die Fatwas (islamische Rechtsgutachten) des geistlichen Oberhauptes Scheichülislam Ebu Suud gaben ganz konkrete Anweisungen an die Gouverneure weiter, dass alle, die an der Seite der Safawiden gekämpft hatten, aufgespürt und getötet werden sollten. Diese Fatwas trafen auch die überlebenden Zaza, die daraufhin in die Berge fliehen mussten, da Dêsim nun innerhalb des Osmanischen Reichs lag. Auf Grund der Geographie, dem Hochland Dêsims, das bis 1937 zum größten Teil noch unwegsames Gelände war, gelang es dem Osmanischen Reich jedoch nicht, eine totale Herrschaft zu errichten. Enklaven gleich blieb Dêsim eine Insel inmitten des eroberten Gebietes und damit ein Dorn im osmanischen Auge.
Jedoch war nicht nur die Freiheitsliebe der Zaza Grund zur Verfolgung, sondern auch die religiöse Andersartigkeit dieses Volkes. In ihrem Ursprung ist die Religion der Zaza eine Naturreligion, die die Lehren Zarathustras, sowie Hochachtung und Verehrung gegenüber den Naturelementen beinhaltet. Die Erde und das Wasser, die Berge und Himmelskörper, alle Pflanzen und Tiere sind heilig. Da aber nicht jeder Zaza stark genug war, sich dem Druck der osmanischen Eroberer entgegen zu stellen und für seinen Glauben möglicherweise zu sterben, konvertierte ein Teil der Zazabevölkerung und trat zum Islam über. Wer sich dem Schwert und der Repressionen erwehren konnte, floh in den Schutz der natürlichen Festungen, den Bergen, und bewahrte so seine Sprache und Kultur im Wesentlichen.
Nach der Çald?ranschlacht wurde den Kurden im Namen der Osmanischen Regierung, zum Dank für das erfolreiche Kriegsbündnis, die Kontrolle über sämtliche ostanatolischen Völker übertragen, woraus ethnische und religiöse Verfolgungen aller nichtmuslimischer Völker resultierten.
Unter Sultan Hamid wurden 1891 die Hamidiye-Regimenter, die nur kurdische Soldaten in ihren Militärdienst aufnahmen, offiziell aufgestellt. Kurdische Offiziersschulen wurden gegründet. Die Regimenter führten nicht nur den armenischen Völkermord aus, sondern übernahmen auch die Verfolgung der Zaza, denn diese Allianz wurde auch unter Mustafa Kemal fortgesetzt. Dieser war aus den Reihen der Jungtürken emporgestiegen, die sich 1908 durch einen Militärputsch an die Spitze des Osmanischen Reiches gesetzt hatten und deren Vision es war, einen homogenen, sunnitisch geprägten, türkischen Nationalstaat zu erschaffen. Nachdem Mustafa Kemal 1923 die Republik proklamiert hatte und zu ihrem Staatspräsidenten geworden war, wurden alle Völker Anatoliens in der Verfassung von 1924 zu "Türken" erklärt. Die ostanatolischen Völker, die man nun als "Bergtürken" bezeichnete, wurden durch diesen Begriff als unzivilisiert und bildungsfern stigmatisiert.
Von Dêsim aus bin ich noch einige Tage an die Schwarzmeerküste gefahren und habe das hoch über Trabzon gelegene Atatürk Museum (Atatürk Kö?kü), eine ursprüngliche Sommerresidenz, die später Atatürk zum Geschenk gemacht wurde, besichtigt. Zum Inventar des Museums gehört eine gerahmte Landkarte der Türkei, auf der im Gebiet von Dêsim mit Bleistift angebrachte Markierungen, Zahlen und Buchstaben zu sehen sind. Unterhalb der Rahmung las ich die auf einer Messingtafel (Abb.1) eingravierten und offensichtlich mit Stolz erfüllten Worte, dass Atatürk höchst persönlich die Orte eingezeichnet hatte, an denen die Aufstände stattgefunden haben.
Die Lügenkonstrukte über die Zaza, sie als Aufständische darzustellen, wurden damals bewusst in Umlauf gebracht und auch später bewußt in die offizielle, türkische Geschichtsschreibung übernommen, um die Weltöffentlichkeit zu täuschen und den Völkermord zu legitimieren.
Nachdem bereits im Völkermord von 1915-17 die Armenier sowie Assyrier und 1919-21 die Griechen dezimiert worden waren, verblieben nun noch die alevitischen Zaza, die es zu vernichten galt. Trotz blutigen Bruderkampfes und religiöser Spaltung, war es Dêsim dennoch gelungen, zum Teil unabhängig zu bleiben. Der Wille Mustafa Kemals war es jedoch, Dêsim im Ganzen zu unterwerfen und damit etwas zu erreichen, was den Osmanen niemals gelungen war.
Mit Hilfe des Deportationsgesetzes aus dem Jahre 1934 (Gesetz Nr. 2510) , in dem es heißt, dass Dêsim einer der Regionen sei, "die aus gesundheitlichen, ökonomischen, kulturellen, militärischen und sicherheitstechnischen Gründen entvölkert werden muss und in der sich niemand mehr ansiedeln darf" , begann das Unheil.
Das sogenannte, 1935 verabschiedete, "Tunceli-Gesetz" , das bis heute noch nicht offiziell aufgehoben wurde, beinhaltet Umsiedlung, Verbannung, Verhängung und Vollstreckung von Todesstrafen.
In seiner Parlamentseröffnungsrede im Jahre 1936 proklamierte dann Mustafa Kemal unmissverständlich: "Wenn es etwas Wichtiges in unseren inneren Angelegenheiten gibt, dann ist es nur die Dersim-Angelegenheit. Um diese Narbe, diesen furchtbaren Eiter in unserem Inneren, samt der Wurzel anzupacken und zu säubern, müssen wir alles unternehmen, egal was es koste, und die Regierung muss mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet werden, damit sie dringend erforderliche Entscheidungen treffen kann."
Mit dem streng geheimen " Beschluss des Ministerrats vom 4.Mai 1937 über die exemplarisch-abschreckende Vernichtungsaktion Tuncelis im Jahre 1937" gab Mustafa Kemal, der sich nun Atatürk, "Vater der Türken", nennen ließ, den gesetzlichen Auftakt zum Völkermord an den Zaza.
Der Genozid begann, indem die türkische Justiz Verbrechen konstruierte, deren sich die geistige Elite der Zaza schuldig gemacht haben sollte, sodass man Grund hatte, sie " legal" ermorden zu können. Die starke Gemeinschaft und auch die Stammesstrukturen brachen durch Fehden und Stammeskriege, initiiert vom türkischen Staat und Militär, auseinander. Der eine oder andere Stamm schlug sich auf die staatliche Seite, in der Hoffnung, sich so gegen die feindlich gesinnten Stämme zu behaupten, doch der Staat spielte gekonnt alle gegen einander aus. Als diese Politik von den alevitischen Zaza durchschaut wurde, war es allerdings schon zu spät, denn sie hatten auf Grund der Versprechen Mustafa Kemals, Schulen und Straßen in Dêsim zu bauen, 1937 im Gegenzug ihre Waffen abgegeben. Zudem war bereits ein Großteil der geistlichen Führer und Stammesoberhäupter auf verschiedene Art und Weise getötet oder inhaftiert worden.
Einen Tag bevor der Ministerrat den Völkermord "offiziell" beschlossen hatte, fanden in Zentraldêsim bereits Bombardierungen durch das Militär statt. Hierbei profilierte sich besonders Sabiha Gökçen, Mustafa Kemals Adoptivtochter. Als erste türkische Pilotin bombardierte und zerstörte sie mit 50-kg-Giftgasbomben Zazagebiete. "Sie hat mit diesen Bomben den Banditen große Verluste zugefügt" , hieß es anerkennend in den türkischen Unterlagen des Militärs. Nach Sabiha Gökçen ist heute ein Istanbuler Flughafen benannt.
In jenen unheilvollen Tagen von 1937/38 wurden im Verlauf der türkischen Invasionen durch das Militär und dessen Intention zur ethnischen Säuberung an die siebzigtausend Zaza umgebracht. Durch die stattgefundenen Deportationen wurden unzählige Familien auseinander gerissen, Kinder kamen in Waisenhäuser oder wurden zur Adoption freigegeben. Diejenigen Zaza, die den Genozid überlebten und in ihrer Heimat Dêsim bleiben konnten, sind bis zum heutigen Tag Opfer von Unterdrückung und Verfolgung. In gewisser Weise haben die mittelalterlichen Fatwas noch immer ihre Gültigkeit. Der Begriff "Qizilbas", der schließlich als Synonym für Gottlose, Banditen und Wegelagerer, Wehrdienstverweigerer, Nichtsteuerzahlende benutzt wurde, als Synonym für "Kerzenauslöscher", die den Inzest mit Müttern und Töchtern während der religiösen Cem-Feiern im Dunklen praktizieren , wird weiterhin von türkischer, kurdischer und maoistisch armenischer Seite für Propagandazwecke gegen die Zaza missbraucht. Diese willkürlichen Verleumdungen hinterlassen auch außerhalb Dêsims ein Negativbild der Zaza. Der Kampf gegen die PKK wurde als Vorwand benutzt, um ganz bewusst den Krieg bis zum Ende des letzten Jahrhunderts in das Zazagebiet zu tragen. Die Provinz Tunceli wurde 1984 zum Kriegsgebiet erklärt und der damit verbundene Ausnahmezustand, ist ein weiteres Mittel, Entvölkerung durch Terroraktionen zu bewirken. Ebenso trägt die Staudammpolitik, die die Überflutung Dêsims zur Folge hat, fortwährend zur Demütigung und Entwurzelung der dort lebenden Menschen bei.
Der Wagen besaß keine Klimaanlage und gefühlte 50 Grad im Inneren ließen uns langsam dahin schmelzen. Nach und nach wand sich die Straße in die Berge hinauf. Im Hintergrund erschienen die Höhenzüge wie aus grauviolettem Samt gefaltet und immer wieder tauchte der sich in die Täler fressende Keban-Stausee auf. Von der Sonne getrocknete Wiesen, ockerfarben bis gräulich, mit nur vereinzeltem grünem Buschwerk zogen an uns vorbei. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppte sich das unscheinbare Grasland als Distelteppich. Unzählige, stachelige, aber wunderschöne blaue Kugeln, niedrige, gelbe Sterne und stolz aufragende Disteln, weißsilbrig und magentafarben, wohin das Auge blickte. Auf so manchen kleineren Hügeln flimmerten im Licht verlassene, zerfallene Gehöfte, deren traurige Ruinen in den Himmel ragten. Zeugen der in den 1980/90er Jahren stattfindenden, erneuten Zerstörung durch das türkische Militär. Die Bewachungsanlagen der Verwüster allerdings sind intakt. Auf Anhöhen und an vermeintlich strategisch wichtigen Punkten sind die Beobachter positioniert. Von weitem betrachtet fühlte ich mich durch die Bauten an die Burgen und Befestigungsanlagen von Rhein und Mosel erinnert, doch hier in Dêsim ist man weit entfernt von mittelalterlicher Romantik. Hier ist die Bevölkerung tagtäglich dem Terror in den unterschiedlichsten Variationen ausgesetzt.
Wenige Kilometer vor Tunceli machten wir dann einen Abstecher zu dem auf 1450m hoch gelegene Mazgirt. Bizarre Felsformationen, an Arizona erinnernd, säumten den Weg. Auf halber Strecke sammelten wir am Straßenrand drei kleine, etwa 9 Jahre alte, besonders quirlige Dreckspatzen ein. Aufgeregt turnten die Burschen auf der Rückbank des Wagens herum und plapperten um die Wette. Im Dorf hatte sich die Männerwelt auf dem winzigen Marktplatz zum Tee und Tavlaspiel versammelt. Selbstredend, dass wir bei unserer Ankunft neugierig beäugt wurden. Wir brachten die Jungen zu sich nach Hause und bekamen so auch die hintersten Winkel des kleinen Ortes zu sehen. Die Sonne stand schon tief, als wir auf dem Rückweg in eine Kuhherde gerieten, die mit aller Zeit dieser Welt vor sich hintrottete und gar nicht daran dachte, die Straße für unser Auto frei zu geben. Hier und dort drängten sich Scharen von schwarzen, weißen, braunen und buntgefleckten Ziegen von ihren Hirten getrieben über die sanften Berghänge und Böschungen in die Stallungen. Malerische Bilder, während die Sonne ihre letzten Strahlen auf die rot erglühenden Felsen warf. Die Idylle wurde allerdings erneut jäh durch Wachtürme, Stacheldraht und Kameras demontiert.


STADT MAMEKIYE (TUNCELI)

Kurz bevor es dunkel wurde, kamen wir nach Mamekiye und ein Schild (Abb.2) in zwei Sprachen begrüßte uns am Stadteingang mit den Worten: DERSIM`E, HOSGELDINIZ, SIMA XÊRAMEY.

Meine erste Reaktion war Freude, als ich neben türkisch auch den zazaischen Schriftzug las. Sollte dies ein kleiner Schritt in Richtung Anerkennung sein? Dass man als Zaza, wenn schon nicht überall in seiner Heimat, dann doch wenigstens in der Provinzhauptstadt in der eigenen Muttersprache empfangen wird? Die alevitischen Zaza nennen ihre Heimat Dêsim, doch diese Bezeichnung findet man auf keiner Landkarte. Kurden und Türken hingegen sprechen von Dersim oder Tunceli. Mit Hilfe des unerträglichen Tunceli-Gesetzes bekam nicht nur Dêsim selbst Mitte der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts den türkischen Namen Tunceli. Auch das ursprüngliche Dorf Mamekiye, das man nun im Zuge dessen zur zweiundsechzigsten Provinzhauptstadt erklärt hatte, wurde sonderbarerweise ebenso in Tunceli umbenannt. Diese Namensgleichheit führt bis heute in die Irre. Mir scheint, hier wird eine Politik betrieben, die nicht nur ganz bewusst für Verwirrung und Täuschung sorgt, sondern auch gezielt Unwahrheiten verbreitet.
In einem Gespräch mit einem befreundeten Lehrer, der in Mamekiye wohnt, erfuhr ich, dass dieser sich bei der Aufstellung des beschriebenen Ortsschildes an die kurdisch geführte Stadtverwaltung gewandt hatte, damit diese sowohl den zazaischen, als auch den türkischen Schriftzug, die beide grammatikalisch falsch sind, ändern sollte. Obwohl der Bekannte als Lehrer für Zazaisch, Türkisch und sogar Deutsch qualifiziert ist, war man nicht bereit, den fehlerhaften Text zu überarbeiten.

Wie ich bereits erwähnte, ist auch diese Tatsache charakteristisch für das systematische Vorgehen der Politik in Dêsim.
Da die Zaza keinerlei Lobby besitzen, Gewalt, Willkür und auch den persönlichen Ängsten ausgeliefert sind, befinden sich die wenigsten von ihnen in der Lage, sich in eigener Sache zu behaupten und durchzusetzen. Obwohl schon Anfang des letzten Jahrhunderts die ersten Sprachforschungen ergeben haben, dass zazaisch eine eigenständige Sprache ist und auch neuere sprachwissenschaftliche / / / / Untersuchungen dieses Faktum bestätigen, werden sie ignoriert. Wenn also dessen ungeachtet in Dêsim bewusst Begriffe falsch zugeordnet werden, wenn Dêsim bewusst als Land der Kurden und zazaisch als kurdischer Dialekt bezeichnet werden, wen wundert es da, dass sowohl im Internet als auch in den deutschen Medien die Zaza und Kurden in einen kurdischen Topf geworfen werden. Dass das Volk der Zaza hierzulande nicht hinreichend bekannt ist, habe ich ja an mir selbst erfahren. Jedoch frage ich mich, warum auch so renommierte Vereine wie Amnesty International und die Gesellschaft für bedrohte Völker / in ihren Berichten generell von der kurdischen Problematik sprechen, gleichgültig, ob es sich um ein kurdisches oder ein zazaisches Problem handelt. Warum wird so undifferenziert und fehlerhaft recherchiert und was verbirgt sich dahinter?

Um das 914 Meter hoch gelegene Mamekiye erhebt sich bergige Natur. Tagsüber lässt sich so manches verdrängen, doch des Nachts ist die bittere Wahrheit offensichtlich: Mamekiye ist umzingelt. Von allen die Stadt umgebenen Bergkuppen und Bergspitzen leuchteten Wachttürme, blinkten Positionslichter, sah man gelbliche Bänder, die angestrahlten Zäune ähnlich sahen.
Wir fanden unser zentral gelegenes Hotel, dessen modernes Foyer mich zunächst mit seinen ledernen Couchgarnituren und einem Fernseher mit Riesenplasmabildschirm überraschte. Doch beim Betreten der Zimmer verblasste der erste Eindruck sehr schnell, denn vom Blendwerk des Eingangbereiches war nicht mehr viel übrig. Unsere Quartiere entpuppten sich als winzig, renovierungsbedürftig und bar jeglicher Klimaanlage. Jedoch, die Zimmer fanden in unserer großen Müdigkeit einen gnädigen Verbündeten.
Nachdem der Muezzin vorerst ein letztes Mal zum Nachtgebet gerufen hatte, ergab ich mich der stickigen, schweißtreibenden Luft und schlummerte langsam ein. Doch schon bald nahm der Schlaf ein jähes Ende. Plötzlich hallten laute, unverständliche Männerstimmen und Hundegebell durch die Nacht. Ich hoffte, dass es sich hierbei um nächtliche Zecher handelte, die nun lauthals diskutierend ihren Heimweg antraten und dass der Lärm langsam verebben würde. Doch nichts dergleichen geschah. Die Ruhestörung nahm und nahm kein Ende. Ich stand auf, trat an das Fenster und blickte vom 3. Stock hinunter. Eine gespenstische, fast filmreife Szenerie spielte sich dort unten auf der Straße ab. Im gelben Laternenlicht sah ich gleich mehrere Männer, von denen ein jeder einen großen, sich wild gebärdenden Hund an der Leine hielt. Die Männer rissen und zerrten an den Leinen, stachelten die Hunde auf. Ihr eigenes, alkoholisiertes oder berauschtes, lautes Geschrei und das wütende Gekläffe der Hunde schallte in den sonst menschenleeren Straßen von den Häuserwänden wider. Ich weiß nicht, ob diese nächtliche Meute einen Plan verfolgte oder ob ihr Hin- und Hergehen eine Folge ihrer Planlosigkeit war. Sie gingen von einer Straßenecke zur anderen und kehrten wieder zurück. Ich wartete darauf, dass sich von irgendwoher eine Stimme erheben und die Ruhestörer zum Teufel jagen würde, aber nichts dergleichen geschah. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurden die Stimmen dann doch noch leiser und die Meute zog weiter. Was für ein unwirklich erscheinendes, nächtliches Intermezzo. Wie ich später erfuhr, gehören solche Dinge zum Alltag oder Allnacht in Mamekiye. Ich frage mich allen Ernstes, ob so etwas inszeniert wird, um nächtlichen Terror der subtilen Art in die Städte zu tragen oder ob die Menschen längst zum Werkzeug dieser Art Terroristen geworden sind, ohne sich dessen bewusst zu sein.


BONÊ CEMI (CEM EVI), EIN ALEVITISCHES GEBETSHAUS

Ziemlich gerädert vom nächtlichen Outdoor-Programm wurden wir am nächsten Morgen von einem überraschend reichhaltigen Frühstücksbüffet empfangen. Gut gestärkt begaben wir uns anschließend zum Bonê Cemi von Mamekiye, einem Versammlungshaus der Zaza. Einem Ort der gesellschaftlichen Begegnung und der religiösen Feiern. Sinnigerweise an der Stelle gebaut, an der der blaugrüne Munzur und der hier erdfarbene Pülümür zusammenfließen. Freundlich führte man uns durch das Haus, zeigte uns die gut sortierte Küche und die verschiedenen Räumlichkeiten. Lärmverursachende Renovierungsarbeiten waren zwar im Gange, doch da der Gebetsraum davon nicht betroffen war, konnten wir uns ein wenig länger in diesen schönen, stillen Raum zurückziehen. Ein gegenwärtiger Bereich der Ruhe, ausgelegt mit Teppichen und bunten Sitzkissen, Mosaiksteinchen bestückten Säulen, mit Bildern von Ali, Hüseyin und den zwölf Imamen an den Wänden.
Von der hinteren Terrasse aus, die für Feste, aber auch für Beerdigungsfeiern genutzt wird, sieht man geradewegs auf eine, den hier schon angestauten Munzur überspannende und unter deutscher Leitung gebauten, Brücke.
Vor dem Bonê Cemi hat man eine Statue Pir Sultan Abdals (*1480; †1550) aufgestellt, einem alevitischen Volkssänger und Volksdichter, der in seinen Werken sufistisch beseelt und metapherreich von Gott, der Natur und der Liebe zu den Menschen erzählt. Zum Vorbild vieler Aleviten erkoren, wurde er als Rebell gegen das osmanische Reich hingerichtet. In dramatischer Pose streckt die Statue mit erhobenem Haupte beide Arme in den Himmel, in einer Hand eine Thom?r (Langhalslaute) haltend. Auf dem Sockel der Skulptur hat der Stifter eine Tafel hinterlassen, die mit einer von ihm verfassten Inschrift in türkischer Sprache versehen ist. Ich könnte mir vorstellen, wie Pir Sultan klingen zu wollen, war die Intention des Verfassers.
Nach der Besichtigung setzten wir uns vor dem Haus auf eine Bank und mein Blick fiel geradewegs durch ein paar Bäume hindurch auf einen gegenüberliegenden Hügel, der, wie sollte es auch anders sein, mit militärischen Anlagen verbaut ist. In einem Gespräch mit der zuständigen Leitung stellte sich heraus, dass sich das alewitische Gebetshaus nicht in zazaischer, sondern in türkischer Hand befindet. In meinen Augen eine seltsame Tatsache. Auffällig auch, dass ich kein einziges der aufgehängten Schilder, Plakate, keines der ausgelegten Bücher, nicht eine einzige Informationsbroschüren in zazaischer Sprache vorfand. Auf die Frage, wie oft zazaischsprachige Cemfeiern abgehalten werden, berichtete uns der zuständige Leiter, dass während des nun zehnjährigen Bestehens lediglich zwei Feiern so begangen wurden. Jedoch würden an die zehn Festlichkeiten im Jahr in türkischer Sprache stattfinden. Ich konnte mich nicht des Eindrucks erwehren, dass es sich bei diesem Bonê Cemi, für viele Zaza ein Bild der Freiheit, um einen Schein, um Blendwerk handelt, um einen der unzähligen Kontrollpunkte, der es insbesondere hier den Türken ermöglicht, den Alevismus auf ihre Art und Weise zu propagieren. Wir bedankten und verabschiedeten uns.


DUZGIN BAVA

Auf den heiligen Berg Duzgin Bava zu pilgern, war einer meiner größten Wünsche auf dieser Reise gewesen. Obwohl ich mich sehr auf das kleine Abenteuer freute, fürchtete ich mich auch ein wenig davor, denn ich war mir nicht sicher, ob ich dem Ganzen gewachsen war. Aber zunächst einmal musste ich mir ein paar neue Turnschuhe kaufen, denn meine gebrauchten standen allein und vergessen zu Hause in Deutschland. Die Fahrt dorthin ging über Pax und Çuxurê. Immer höher führte uns der staubige Weg durch eine atemberaubende Gebirgslandschaft. Ab und an sah man noch vereinzelte Eichen, so wie sie dort früher einmal, vor der flächendeckenden Abholzung, überall wuchsen. An zwei, drei Stellen verkauften Hirten direkt an der Straße ihre Ziegen, die ahnungslos und gelassen ihrem Schicksal als Opfertiere entgegen kauten. Die Fahrt ging an einer Bewachungsanlage vorbei, die von Weitem den Eindruck erweckte, als ob sie jeden Moment den Hügel hinunterrutschen könnte. Beim Näherkommen sah ich dann ganz deutlich die vier, in Bruchstein gemauerten Wachtürme mit ihren Verbindungsmauern vor mir, im Inneren die hellgrün gestrichenen Wachhäuser, außerhalb verbarrikadiert durch meterbreite Stacheldrahtzonen, Laternen und Kameras. Kurze Zeit später hörte ich ein knatterndes Geräusch und sah einen Militärhubschrauber am Himmel seine Runden drehen. Als ich dann endlich dieses Bergmassiv greifbar und so majestätisch vor mir sah, linkerhand Duzgin Bava und rechts davon seine "Schwester" Xaskare, wuchs mein Respekt noch um ein vielfaches. Selbstzweifel stiegen in mir auf. War ich überhaupt in der Lage, auf diesen mächtigen Berg zu steigen? Ich ertappte mich dabei, wie ich gedanklich schon im Vorfeld begann, Ausreden für mein Versagen zu formulieren. Die Mittagshitze erschien mir auf einmal unmenschlich, brennend heiß und hatte ich nicht schon letztens über meine miserable Kondition geklagt? Zu allem kamen jetzt auch noch die neuen Schuhe hinzu und ich spürte bereits die Qual der zu erwartenden, blutig schmerzenden Blasen.
Auf etwa 1600 Metern stellten wir den Wagen ab. Etliche Pilger hatten sich am dortigen Bonê Cemi schon eingefunden, machten Picknick oder füllten ihre mitgebrachten Flaschen und Kanister mit dem kühlen und köstlichen Wasser der aus dem Berg kommenden Quelle. Die einen Wallfahrer bereiteten ihren Aufstieg vor, die anderen, die bereits abgestiegen waren, ruhten sich im Schatten der wenigen Bäume aus. Mehrere überdachte Ziegenställe standen leer; die zum Opfern vorgesehenen Tiere hatte man auch unter einen kühleren, schattenspendenden Felsvorsprung geführt. An die vielen, zuvor stattgefundenen Opferungen erinnerte ein etwa zwei Meter hoher, mächtiger Felsbrocken mit Hunderten von aufgeschichteten Ziegenhörnern. Farbige Bänder waren am Felsen befestigt, ein jedes von ihnen mit Wünschen und Dankgebeten an Duzgin Bava gerichtet. Wir tranken noch etwas Wasser, füllten unsere Flaschen auch auf und machten uns auf den steilen Weg. Schon nach wenigen Metern wurde mein Atem schwer, der Schweiß floss in Strömen und ich fragte mich, warum ich diese Tortur auf mich nahm, warum ich ausgerechnet zu dem ungünstigsten aller Zeitpunkte hier hinauf wollte. Ich wagte erst gar nicht an den Muskelkater zu denken, der mich am nächsten Tag schachmatt legen würde. Ungläubig nahm ich wahr, dass ab und an Zigarettenstummel zwischen den Felsen lagen. Es musste also Menschen geben, die inmitten des Aufstieges rauchten, während ich, als Nichtraucherin, meinte, jedes einzelne meiner Lungenbläschen platzen zu fühlen! Ich heftete meinen Blick auf den Boden, bloß nicht nach oben, auf den vor mir endlos aufragenden Berg schauen, konzentrierte mich darauf, festen Tritt zwischen spitzen Felsen und lockerem Gestein zu fassen. Als ich schließlich auf etwa 2000 Meter schnaufend die erste Pause einlegen musste und mich talwärts wandte, traute ich meinen Augen kaum, denn welch ein unglaublich idyllischer Anblick tat sich da vor mir auf. Am steilen Berghang zur Rechten, etwa dreihundert Meter entfernt, zwischen kahlen, grauen Felsen und wenigen trockenen Disteln, leuchtete auf einem kleinen Felsvorsprung ein grüner Flecken Gras, auf dem ein einsamer Schimmel weidete.
Sofort kam mir in den Sinn, dass hier Duzgin selbst die Finger im Spiel haben könnte. Man glaubt nämlich in Dêsim, die dort ansässigen Zaza seien Nachkommen der erleuchteten Gurus Kalmem, Kalferat und Kurês aus den Dörfern Kalmem, Bonê Sare (Gerise) und Hewsê Dewe (Dewa Kurêsu). Die Legende von Duzgin Bava erzählt von Saheyder, Sohn des Kurês, der im Monat Çele (Januar), die Ziegenherde auf den Bergen zu hüten hatte. Vater Kurês stellte verwundert fest, dass die Tiere, trotz der eisigen Kälte und der schneebedeckten Landschaft, sehr gut im Futter standen. Neugierig geworden, wollte er wissen, wo Saheyder die Herde weiden ließ, um sie so mästen zu können. Also stieg Kurês auf den Berg ?argovit und näherte sich unbemerkt dem Hirten und seinen Ziegen. Er beobachtete, wie Saheyder mit seinem Gehstock die Zweige der schneebedeckten Bäume berührte und augenblicklich, frühlingsgleich, saftig grüne Blätter zu sprießen begannen, die die Ziegen dankbar fraßen. Da Saheyder mit dem Rücken zu seinem Vater stand, hatte er ihn nicht bemerkt. Kurês, der jetzt wusste, wie sein Sohn die Herde fütterte, wollte sich gerade still und heimlich wieder entfernen, als eine der Ziegen drei Mal hinter einander nießte. Saheyder fragte sie daraufhin belustigt, warum sie so heftig nießen müsste, ob ihr etwa Guru Kurês erschienen wäre? Mit diesen Worten drehte sich Saheyder um und als er daraufhin tatsächlich seinen Vater erblickte, schämte er sich zutiefst, dass er ihn beim Namen genannt hatte. Ihm war so unheimlich zu Mute, dass er hurtig entfliehen wollte und es ihm gelang, mit nur drei gewaltigen Schritten vom Berge ?argovit den B?mbarek oder Koê Duzgin zu erreichen. Einige Tage später machte sich Vater Kurês dann doch um seinen verschwundenen Sohn Saheyder Gedanken und schickte einige Leute mit Proviant auf den Berg, um ihn zu suchen. Tags darauf kamen sie wieder zurück und berichteten freudig dem besorgten Vater, dass es Saheyder gut ginge, dass alles bei ihm und mit ihm "Duzgin", also "in Ordnung" wäre. Im Laufe der Zeit benutzte nun das Volk immer häufiger den Namen Duzgin anstelle Saheyder und auch das 2450 Meter hohe Bergmassiv gegenüber dem Distrikt Nazmiye wurde nicht mehr Saheyderberg, sondern Bimbarek oder Koê Bava Duzgin (Heiliger oder Heiliger Berg Duzgins) genannt. Die beiden Berge ?argovit und Koê Duzgin sind Luftlinie etwa sechs Kilometer voneinander entfernt. Noch heute kann man auf dem Gestein der Bergkette die Abdrücke und Fußspuren sehen, die Duzgin hinterlassen haben soll.

Der Aufstieg ging weiter. Zwischen den Felsen entdeckte ich einen einsamen, weißen Krokus, etliche verschiedene Kräuter und zarter Pfefferminzduft wehte mir hier und dort entgegen. Schließlich hatte ich es doch bis kurz unterhalb des Gipfels geschafft und als ich erschöpft, aber glücklich den Blick schweifen ließ und diese gewaltige Landschaft ringsherum erblickte, da wusste ich, warum hier hinauf hatte steigen wollen. In einer Felsennische zündeten wir einige Kerzen an und genossen die Stille der Bergwelt, als ich über mir einen Schrei vernahm. Mein Blick ging gen Himmel und dieses Mal sah ich keinen Hubschrauber, sondern einen wunderschönen Adler, der seine Kreise am Himmel zog. Mir gingen unweigerlich die beiden Wörter "Heli", zum Einen als Abkürzung für Helikopter aus dem griechischen und "heli", zum Anderen als zazaisches Wort für Adler durch den Kopf. Ob ein sprachwissenschaftlicher Zusammenhang zwischen beiden Wörtern besteht, weiß ich nicht, aber hier in Dêsim treffen sie am Himmel zusammen: der eine heli ein symbolisches Bild von Freiheit, der andere Heli ein reales Zeichen der Unterdrückung.
Eine Gruppe von Deutschländern, so nennt man hier die in Deutschland lebenden Zazas, war nach uns aufgestiegen. Wir kamen natürlich ins Gespräch und dann sang die zwölfjährige Tochter dort oben auf dem Berg mit solch einer schönen Stimme zwei zazaische Lieder für uns, dass es mir die Tränen in die Augen trieb. Zum Abschied musste ich die Kleine einfach drücken und küssen, sie hatte mir mit ihrem Gesang in dieser Umgebung ein wunderbares Geschenk gemacht. Der Abstieg wieder hinunter zum Bonê Cemi fiel mir leicht. Ich fühlte mich seltsam beschwingt, weil ich es geschafft und mir meinen Wunsch erfüllt hatte. Von irgendwelchen Blasen fand ich nicht die leiseste Spur und sogar der Muskelkater am nächsten Tag blieb aus. Nicht einmal das kleinste Zwicken war zu spüren. Das wäre völlig normal, sagte man mir, das läge an Duzgin, denn er hätte mich auf meinem ganzen Pilgerweg beschützt.
Wir waren nun verdientermaßen hungrig und wollten auf dem Weg Richtung Pulemuriye (Pülümür) zu einem bestimmen Lokal, das an einer Quelle gebaut und für seine guten Spießchen vom Holzkohlegrill bekannt war. Vorbei an roten, bizarr aussehenden Felsformationen kamen wir an unserem Ziel an, fanden jedoch nur noch eine Ruine vor, deren tote Mauern mit PKK-Parolen beschmiert waren. Einheimische saßen an der Quelle, aßen Selbstmitgebrachtes und erzählten, dass die Inhaber aus Angst vor der PKK und deren Repressalien ihr Lokal aufgegeben hatten. Man lud uns ein, das Essen mit ihnen zu teilen, eine nette Geste, doch wir fuhren weiter. Vorbei an Bewachern, an Felsen, im Volksmund die "weinenden Steine" genannt, denn kleine Wasserfälle plätschern und sprühen an ihnen hinunter, über frisch asphalierte oder noch im Bau befindliche Straßen mit enormem Fuhrpark an Baufahrzeugen, machten wir Halt am Vadi Lokantas? in Pirdo Sur. Einem im Tal, direkt an der Straße gelegenen Lokal. Unsere Mägen knurrten nun wirklich, denn seit dem Frühstück hatten wir nichts mehr zu uns genommen. Wir bestellten Gegrilltes, Reis mit Bohnen und Salat. Was wir dann allerdings serviert bekamen, fetten und ranzigen Ziegenbock, konnte ich trotz meines Hungers nicht hinunterschlucken. Ich aß mich an allem anderen satt und hörte trotzdem vergnügt einer Episode zu, die ich zum Nachtisch erzählt bekam: In den 70iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts besichtigte der Gouverneur der Provinz Tunceli mit seiner Gefolgschaft Pulemuriye. Als er von Weitem einen alten Dörfler mit einer Eselin und ihrem frisch geborenen Fohlen ihnen entgegenkommen sah, meinte er spöttisch, dass da der Zaza mit seiner Frau und Kind käme. Sein Gefolge warnte ihn, er sollte sich mit seinem Spott zurückhalten, denn die Zaza seien unberechenbar. Aber der Gouverneur konnte sich nicht beherrschen und sprach den Dörfler hämisch an: "Na, du Erleuchteter, herzlichen Glückwunsch, denn wie ich sehe, hast du Nachwuchs bekommen!" Der Dörfler seinerseits hielt sich zurück, bedankte sich nur freundlich und wollte an allen vorbeiziehen, doch der Gouverneur hatte noch nicht genug und höhnisch rief er ihm hinterher:" Willst du mir nicht verraten auf welche Schule dein Kind gehen soll?" Der Zaza blieb daraufhin stehen, überlegte kurz und erwiderte höflich:" Xizir soll das Kind erst einmal groß werden lassen und dann schicken wir es auf die Gouverneursschule."
Anscheinend hatte der Wirt meine deutschsprachige Fleischver-weigerung mit bekommen und zu allem Überfluss verlangte er für das zum Teil ungeniessbare Essen jetzt auch noch den doppelten Preis. Ich war empört, aber es half nichts, denn in so manchem zazaischen Kopf hat sich die irrige Meinung festgesetzt, dass derjenige, der aus Deutschland kommt, in der Lage ist, reichlich Geld unter die Menschheit zu verteilen. Als ich dann erklärte, dass ich demnächst meine deutsche Herkunft verheimlichen, den Mund halten und nur noch in der Gebärdensprache kommunizieren würde, bekam ich von den Gästen am Nachbartisch lachende Zustimmung.

ZURÜCK NACH MAMEKIYE

Es wurde Zeit aufzubrechen und den Heimweg zum Hotel in Mamekiye zu nehmen. Unsere Planung sah zwar vor, bis nach Pulemuriye zu fahren, jedoch hätten wir den Rückweg nicht mehr im Hellen geschafft und in der Dunkelheit wollten wir uns nicht in dieser von der PKK bedrohten Gegend bewegen. Nachdem die kurdische BDP, was übersetzt ironischerweise soviel wie Friedens- und Demokratiepartei heißt, 2011 die Parlamentswahlen in der Provinz Tunceli verloren hat und somit keinen Parlamentarier nach Ankara schicken konnte, folgten wieder einmal Konsequenzen für die Zaza auf dem Fuße. Bedrohungen wurden nicht nur verbal ausgestoßen, sondern auch in die Tat umgesetzt. Einige Zaza haben nachfolgend in Ovacik und Nazmiye gewaltsam ihr Leben lassen müssen. Ein Ladenbesitzer in Mamekiye, dessen Namen ich nicht erwähnen darf, berichtete, dass die PKK mit Gewalt und parallel zum türkischen Staat Steuern erhebt und Verbannungen ausspricht. Mit derartigem Druck auf das Volk wird versucht, die Wahlbereitschaft zu Gunsten der BDP zu beeinflussen. "Früher", so erzählte er, "hatten wir Angst vor dem türkischen Geheimdienst und den Todesschwadronen, heute haben wir Angst vor der PKK." Doch leider sähe er weder für sich, noch für die anderen irgendwelche Alternativen. Wenn es sie jedoch gäbe, würde er sofort aus Tunceli verschwinden. Manche Fragen werfen sich mir auf, denn es ist mir unklar, warum wird ein angeblich türkisch-kurdischer Krieg auf Zazagebiet ausgetragen? Warum konzentrieren sich die Angriffe der PKK auf Zaza-Gebiet und warum nicht in kurdischen Regionen? Warum wird ausgerechnet der Bäcker in Hozat oder der Gemüsehändler in Bingöl getötet? Warum wird Zazaisch mit Waffengewalt zum kurdischen Dialekt erklärt? Handelt es sich bei der PKK nun um eine rein kurdische Organisation oder spielen auch getarnte, armenische Linke eine Rolle? Worin liegt das Ziel? Etwa darin, das Zazavolk für ihre politischen Belange auszunutzen und damit letztendlich ihre Kultur zu vernichten? All diese Tatsachen lassen Raum zum Nachdenken.
An einer Stelle, an der der Fluss Cemê Pulemuriye (Pülümür) gut zu erreichen war, verließ ich trotz eines mulmigen Gefühls den Wagen. Ungeachtet der Angst vor einem möglichen Übergriff durch Terroristen, siegte der Wunsch, meine heißen Füße in das eiskalte Wasser zu tauchen. Im warmen Licht des späten Nachmittags gluckerte das klare Flüsschen zwischen schön gemusterten Kieselsteinen so friedlich vor sich hin, dass man gar nicht darüber nachdenken wollte, wie Gewalt und Tod hinter jedem Busch lauern konnten.

EIN SELTSAMES DENKMAL

Am nächsten Abend trafen wir einige Freunde in einem direkt am Munzur gelegenen Lokal auf einen Tee. Auf dem Weg dorthin kamen wir an einer am Straßenrand errichteten Skulptur vorbei. Ich erkannte in ihr den im Sitzen dargestellten und eine Zigarette haltenden Seyusen. Den Narren, dem die Stadtverwaltung ein Denkmal gesetzt hatte. Dessen "Heiligkeit", im Zuge von Wählerstimmenfang, von hohen politischen Stellen in der Öffentlichkeit propagiert wurde. Ein Gestörter, permanent Selbstgespräche führender, zum Helden stilisierter Seyu?en, den alle Seiten für ihre Zwecke nutzten.
Die alevitischen Zaza, seit dem Völkermord 1937/38 ihrer Rechte und der offiziellen, politischen Stimme beraubt, bedienten sich, so erzählt man, Seyu?ens Murmeln. Was das Volk selbst nicht sagen und durchführen durfte, projizierte man auf Seyu?en. Sein stetes, unverständliches Brummen wurde von einigen Leuten als Auflehnung gegen das türkisch faschistische Regime interpretiert. Dêsim wurde, wie schon erwähnt, 1984 zum Kriegsgebiet erklärt und seitdem herrscht der Ausnahmezustand. Eines Tages soll Seyu?en, wie es eine der zahlreichen Anekdoten schildert, durch Mamekiye spaziert sein. Als er nun, auf Grund einer Ausgangssperre nur menschenleere Straßen und verschlossene Teehäuser vorfand, soll er zur Polizeiwache gelaufen sein, wutentbrannt an deren Tür gehämmert und geschrien haben, wohin man all die Menschen gesteckt und ob man sie wieder wie 1938 umgebracht hätte. Erst nachdem man an verschiedenen Häusern geklingelt und ihm die Bewohner gezeigt hatte, soll er sich beruhigen haben lassen.
Für die türkischen Machthaber ist das zazaische Volk wertlos und ebenso naiv, wie es in ihren Augen auch Seyu?en war. Nach dem Aufstellen der Statue konnte man damals in den türkischen Zeitungen von den Zaza als "dem Volk, das für seinen Gestörten ein Denkmal errichtet" lesen. Man gewinnt den Eindruck, als ob für die türkische Obrigkeit das Motto gilt, dass nur ein gestörter Zaza, ein guter Zaza ist und umgekehrt für die Zaza, dass man seine Ruhe hat, wenn man sich wie Seyu?en benimmt. Für die Zaza gibt es kaum Entwicklung, keine Persönlichkeitsentfaltungen. Wegen ihrer Volkszugehörigkeit, Kultur und Sprache steht seit jeher die Angst in vorderster Reihe. Sich zu äußern, sich zu behaupten, davon kann bei weitem keine Rede sein. Durch die jahrhundertelange Verfolgung und nachdem es in den Achtzigern letzten Jahrhunderts unter den Militärs sogar noch verboten war, sich als Zaza zu bekennen, zu sagen: "Ich bin alevitischer Zaza, meine Muttersprache ist zazaisch", ist man geneigt, bereits genetische Dispositionen zu mutmaßen. Als Konsequenz oder der einfachheitshalber hält man in Anwesenheit von türkischen oder pro-kurdischen Mitbürgern den Mund oder verleugnet seine zazaische Identität, indem man sich als Türke oder Kurde ausgibt. Die Kurden verhalten sich in Sachen Seyu?en wie die Türken, hoffen im Strudel des Chaos auf eine Kurdisierung der Zaza und auch die unter dem linken Mantel agierenden Armenier würden von dem Aussterben der Zazaidentität profitieren.
Der Abend war nett und besonders für mich sehr informativ. Leider ist es aber längst nicht mehr so romantisch, in Mamekiye dort unten am Munzur zu sitzen, denn auch die gut gespielte Live-Musik täuschte nicht darüber hinweg, dass der Wind den Gestank der ungeklärten Abwässer, die hier aus der Kanalisation eingeleitet werden, mit sich trug. Wir verabredeten uns für die nächsten Tage, um unter anderem auch gemeinsam die gesunden, heiligen Quellen des Munzur-Flusses mit seiner guten Luft zu besuchen.

DER MUNZUR-FLUSS

Nur wenige Kilometer hinter Mamekiye beginnt eine einzigartige und nahezu unberührte Gebirgslandschaft, die 1971 per Gesetz zum Munzur-Nationalpark erklärt wurde. Die nördliche Bergkette, oftmals mit über 3000 Meter hohen Gipfeln, ist größtenteils kahl, aber durch ihre hochgelegen glazialen Bergseen von eigener Schönheit. Die südlichen Gebirgszüge sind mit Walnussbäumen, Eichen, Zedern, Wildapfel und Wildbirnen, um nur einige zu nennen, bedeckt. Etliche Hochebenen oder Almen mit ihren duftenden Kräuterweiden werden im Sommer für Mensch und Tier zur Heimstätte. Mehr als 1500 Pflanzen, davon über 40 endemische Sorten blühen und gedeihen hier. Im Frühsommer breiten sich Hyazinthen, Wildtulpen und Narzissen an Berghängen und in den Ebenen wiesenartig aus. Mit einer Vielzahl anderenorts bedrohter Vogelarten, mit einer Fülle von Wildtieren, wie Fuchs und Wolf, Bär und Wildschwein, Dachs und Schildkröte, sowie mit der selten gewordenen, nur in Dêsim beheimateten, rotgefleckten Forelle, ist er einer der größten und artenreichsten Nationalparks der Türkei.
Gleich zu Beginn hockte ein Wiedehopf am Straßenrand und ich hatte das große Glück, diesen hübschen, kleinen Vogel von ganz Nahem fotografieren zu können. Im Gegensatz dazu war das Motiv am Himmel weitaus weniger anziehend, denn der große Vogel dort oben war ein weiteres Mal ein ohrenbetäubend lärmender Militärhubschrauber. Ich war hingerissen von der wilden und atemberaubenden Schönheit der Natur. Die Straße führte durch gigantische Felsformationen, Schluchten und immer wieder in die Nähe des glasklaren Munzurs. Bei dem Gedanken, dass dies alles geflutet werden soll, schnürte sich mein Herz zusammen. Denn auch hier im Munzur-Tal, wie schon beim Keban-Stausee, ist der Bau von mehreren Staudämmen geplant, zwei davon sind bereits fertiggestellt und sollen demnächst in Betrieb genommen werden. Der Bau der Dämme, so verspricht es der Staat, fördere die Entwicklung der Gegend und reagiere damit auf den wachsenden Energiebedarf. Das weckt allerdings Erinnerungen, denn nachdem der Keban-Staudamm 1974 gebaut wurde, profitierten die Dörfer in Dêsim erst fünfzehn Jahre später davon. Wenn man jedoch den Meinungen der Dêsimer Glauben schenkt, stecken hinter diesen Plänen keineswegs gutgemeinte, sondern offensichtliche, politische Absichten, die eine soziale, ökonomische und ökologische Katastrophe mit sich brächten. Die Dämme würden nicht nur zahlreiche archäologische Stätten dem Untergang weihen und damit touristische Einnahmequellen verringern. Fauna und Flora würden in den gefluteten Gebieten zerstört und als Folge, ebenso wie im Fall des Keban-Stausees, wäre auch hier mit einem Klimawandel zu rechnen und damit einhergehend einer Entwaldung der Flusstäler. Die Provinzhauptstadt Mamekiye wäre von anderen Ortschaften isoliert. Hunderte von Dörfern verschwunden und Tausende von Menschen ihrer Heimat beraubt. Die ohnehin schon hohe Arbeitslosigkeit wäre noch größer, denn des Landes beraubt, müssten Bauern und Hirten in nahe gelegene Städte ziehen und sich dort um ihren Lebensunterhalt mühen. Das alles lässt die Vermutung aufkommen, die Energiegewinnung sei sekundär. Tatsache ist jedenfalls, dass Pläne für diese Überflutungsaktionen existieren, die bis in das Jahr 1930 zurückgehen, um die Täler und Regionen der Zaza zu überfluten. Bis heute ist es das Ziel des Staates, die Menschen zu vertreiben und die Zeugnisse der Geschichte, die Hinrichtungsstellen, zu vernichten.
Auch die Gegend in der Ebene um Ovacik beeindruckte mich sehr. Allgegenwärtig waren die mächtigen, uns begleitenden Berge. Saftig grüne Kulturlandschaften standen im Kontrast zu Landstrichen in allen gelb bis ockerfarbenen Nuancen und rostroter Muttererde. Bei der Vorstellung, dass sich diese Farbskala im kommenden Jahr in unendlich bunte, verschwenderisch blühende Blumenwiesen verwandeln würde, erwuchs in mir der Wunsch, im Frühling oder Frühsommer noch einmal hierher zurückzukehren, um dieses Naturwunder, solange es noch möglich ist, bestaunen zu dürfen.

DIE MUNZUR-QUELLEN

Eben noch durchfuhren wir eine steppenähnliche Gegend und plötzlich befanden wir uns in einer grünen Oase. Unser Ziel war das Dorf Sare (Ziyaret) im Landkreis Ovacik, in dessen Nähe Wasserquellen, Çimê Munzur, aus dem Boden und den Felsen entspringen und sich zum Fluss Munzur, einem Quellfluss des Euphrats und Wallfahrtsort der Zaza, vereinigen. Zu den Quellen, die an vierzig verschiedenen Stellen hervorsprudeln, gelangt man über Mauern, gepflasterte oder geteerte Pfade und naturbelassenen Felsen. Zwischen Bäumen und Gesträuch führen Holzstege über aufgestaute Wasserbecken und kleinen, angelegten Terrassen. Überall ist man von Wassergeräuschen umgeben, es plätschert, gluckert, sprüht, fließt und mittendrin rauscht der Munzur selber. Der Zugang zu diesem von den Zaza als heilig angesehenen Ort, führte über eine mit Verkaufsständen gesäumte Straße, wo touristischer Allerweltskram angeboten wurde. Nach meinem Empfinden wird dem Ganzen dadurch leider der spirituelle Aspekt genommen. Als nützlich und schön hingegen empfand ich den Verkauf der zu Andachtszwecken sehr speziellen, aus Baumwollstoff und Butter handgefertigten Kerzen. Aber alles andere wie CDs, Pluderhosen und Traumfängerschnickschnack haben nach meinem Dafürhalten dort nichts verloren. Warum hält man diese Wallfahrtsstätte nicht vom Kommerz sauber und bietet stattdessen seine Waren etwas mehr abseits gelegen an? Dass das ganze Areal als Picknick- und Gemeinschaftstreffpunkt genutzt wird, ist eine Seite, aber die Gefahr, dass es zum Grill- und Jahrmarktplatz degradiert wird, ist eine andere. Nun denn, meine Kontemplation samt Gebet hätte auf jeden Fall in dem um die Nase wehenden Lammspießchengeruch einen starken Konkurrenten. Um ein bisschen Ruhe zu finden, sind wir ein wenig abseits auf die Felsen geklettert. In den Felsnischen, in denen die Kerzen von den Gläubigen aufgestellt und entzündet werden, sieht man den Unterschied zwischen den herkömmlichen, maschinell erzeugten und den oben erwähnten handgefertigten Baumwollbutterkerzen. Letztere sind sehr umweltfreundlich und hinterlassen nach dem Abbrennen keinerlei Spuren. Durch die Fertigprodukte hingegen bleiben am Gestein unansehnliche Kaskaden von meist weißem Wachs zurück. Umgeben vom Klang der Quellen lauschte ich der Munzur-Sage, die man mir dort in passender Umgebung erzählte: Es lebte einst der Hirte Munzur, der bei einem Aga in Diensten stand. Als dieser eines Tages auf Pilgerfahrt ging, blieb Munzur mit seiner Herrin allein zu Hause. Irgendwann überkam den Aga weit in der Ferne eine unbändige Lust, Helwa zu essen. Munzur, der seinem Herrn sehr nahe stand, spürte dessen Gelüste, erzählte seiner Herrin davon und bat sie, doch Helwa für den Aga zu kochen. Die Herrin dachte zuerst, dass Munzur für sich selbst die Helwa gerne hätte, sich aber nicht traute, danach zu fragen. Dennoch bereitete sie alles zu, gab Munzur davon und dieser machte sich in einem Atemzug auf zu seinem Herrn. Der Aga indessen saß beim Gebet und plötzlich sah er Munzur neben sich, der ihm die noch warme Helwa mit den Worten hinhielt: "Du wolltest Helwa, mein Herr, hier ist sie. Bitteschön." Verwirrt sah der Aga auf die Helwa und als er dann wieder hinauf zu Munzur blicken wollte, war dieser so schnell, wie er aufgetaucht war, auch bereits verschwunden. Als der Aga schließlich von seiner langen Pilgerreise zurückkehrte, eilten ihm die Dörfler entgegen, um ihm zur Begrüßung die Hände zu küssen. Doch der Herr wehrte sie ab und sprach, dass nicht er, sondern Munzur diese Ehrerbietung verdient hätte, man solle ihm die Hände küssen und er erzählte daraufhin der Menge, was sich auf der Pilgerreise zugetragen hatte. Nun liefen alle los, um Munzur zu suchen und fanden ihn schließlich, in jeder Hand einen vollen Eimer mit frisch gemolkener Milch tragend, an der Stelle, wo sich die heutigen Munzurquellen befinden. Als die Menge sich auf ihn stürzen wollte, um ihm die Hände zu küssen, lief Munzur zutiefst verlegen und so schnell er nur konnte weg. Dabei schwappte die Milch aus den Eimern und er verschüttete sie an vierzig verschiedenen Stellen. Dort, wo die Milch den Boden berührte, sprudelte sofort Wasser hervor. Um der Menge zu entkommen, schlüpfte Munzur schnell in eine dieser Quellen und verschwand darin für immer. Man benannte den Fluss nach ihm und noch heute ist an manchen Stellen das Wasser der Quellen milchig trübe.
Ein Tuch des zazaischen Sprach-und Kulturvereins war direkt hinter dem Stand aufgespannt, an dem man die handgefertigten Kerzen kaufen konnte. Darauf war auf Zazaisch zu lesen: "Zonê Ma itiqate Mao" - Unsere Sprache ist unser Glaube und "Zonê Xo Zazaki rê Wayir Vecime" - Wir müssen unsere zazaische Sprache pflegen. Als wir den Produzenten und Verkäufer der Kerzen, einen alten Onkel mit sehr spitzbübischem Lächeln, auf Zazaisch fragten, ob ich ihn fotografieren dürfte, verleugnete er sich zunächst und meinte auf Türkisch, dass er nicht verstünde, was wir von ihm wünschten, denn er spräche kein Zazaisch. Erst als meine Bekannten ihm erklärten, aus welchem Dorf sie selbst stammten, ihm Näheres über ihre Familien erzählten und ihn schmunzelnd fragten, ob sie ihm auf die Schnelle die zazaische Sprache beibringen sollten, lächelte er und antwortete auf einmal meisterhaft in seiner Muttersprache. Ähnliches passierte mit einer älteren Tante, von der ich gerne ein Foto machen wollte, weil sie so hübsch gekleidet und mir ihr vom Leben zerfurchtes Gesicht aufgefallen war. Sie ließ sich zwar sofort fotografieren, meckerte dann aber wütend auf Türkisch und schimpfte mit mir, dass ich ihr noch nicht einmal etwas für ihre Gefälligkeit zahlen wollte. Als ich mich dann mit " berx u dar be" bei ihr bedankte, wurden ihre mürrischen Gesichtszüge wieder weicher. Sie lächelte mir freundlich zu und meinte, dass man vorsichtig sein müsse, denn die Spitzel wären überall. Dann begann sie, munter auf zazaisch zu plappern.
Auch die Bedienung im Hotel in Mamekiye setzte sich nach dem Frühstück zunächst nur zögerlich zu uns, nachdem die anderen Gäste gegangen waren und wir uns erkundigten, warum sie Türkisch und nicht Zazaisch sprechen würden. Die beiden Frauen erzählten uns, dass die Bevölkerung noch bis vor ungefähr acht Jahren durch die türkische Polizei, Beamte und Militärs unter Druck gesetzt wurde, wenn sie in ihrer Muttersprache redeten. Heutzutage wäre diese Aufgabe inoffiziell von BDP und PKK übernommen worden. Wollte man also als Zaza aus Dêsim keine Nachteile haben, so spräche man besser Türkisch anstatt Zazaisch.
Etwas außerhalb, an einem der vielen Quellbäche des Munzurs, gab es in einem Gartenlokal schmackhaftes Essen und interessante Gespräche. Obwohl wir denselben Weg, wie schon auf der Hinfahrt, zurück nach Mamekiye nahmen, waren für mich die Eindrücke erneut so vielfältig, dass mir nur Weniges bereits bekannt vorkam. Immer wieder begegnete uns der Munzur, der sich nach und nach vom schnell sprudelnden, klaren Flüsschen in einen tiefgrünen, langsam dahinziehenden Fluss verwandelte. Abenteuerlich gebaute Brücken überspannten ihn hier und dort. Manche so tollkühn konstruiert, dass man sich eine sichere Überquerung kaum vorstellen konnte. Den Gegenbeweis traten an einer schwankenden Hängebrücke zwei Kühe an, die mir ohne ihren Hirten gemächlich kauend und unerschrocken entgegen trotteten. Und auch hier immer wieder das alles überwachende Auge des Militärs. Posten und Kameras, Baracken und Kameras, Stacheldraht, mit Sand gefüllte Ölfässer als Barrikaden und natürlich Kameras.
Am nächsten Morgen erfuhren wir dann in den Nachrichten, dass Hüseyin Aygün, Abgeordneter der oppositionellen Republikanischen Volkspartei CHP, von der PKK entführt worden war. Wieder einmal wurde ein Exempel statuiert, mit dem die PKK der Angst eine Krone aufsetzte und damit eindeutig zu verstehen gab, dass es keinerlei Probleme macht, einen Abgeordneten der Freiheit zu berauben, also würde es auch ein Leichtes sein, die einfachen, zazaischen Bewohner zu verschleppen. Diese Entführung fand übrigens genau in der Gegend um Ovacik statt, in der Nähe der oben erwähnten Brücke, die wir noch drei Stunden zuvor passiert hatten. Ich muss gestehen, dass dieser Gewaltakt in mir ein sehr schlechtes Gefühl ausgelöst hat, denn sich in der Theorie mit der PKK auseinander zu setzen ist das eine. Etwas anderes jedoch die Gewissheit, sich an einem Ort aufgehalten zu haben, an dem beinahe zeitgleich ein Verbrechen stattgefunden hatte.

HALVORIYE UND DERÊ LAÇ

Halvoriye und Derê Laç, diese nah beieinander gelegenen Stätten in einem der vielen Munzur-Täler, sind stumme Zeugen des traurigsten und grausamsten Kapitels der Zazageschichte. Jener Ereignisse, die 1937/38 geschahen und im Zazaischen als "roza Siae", dem "schwarzen Tag" umschrieben werden. Jener Taten, die in der UN-Genozidkonvention aufgezählten Straftatbestände von Völkermord erfüllen. Schon auf der Hinfahrt nach Ovacik konnten wir vor einer Kurve hoch oberhalb der Straße einen Blick auf Halvoriye werfen. Direkt hinter dem sich durch die Landschaft windenden Munzur sahen wir auf eine fast senkrecht aufragende Felsenwand mit bizarr geformten Höhlenöffnungen. Auf der Rückfahrt hielten wir dann in der Nähe von Halvoriye in dem Munzur-Tal Derê Laç an und stiegen aus, um dort ein wenig zu verweilen. Man musste schon ortskundig sein, um nicht an Derê Laç vorbei zu fahren, denn selbstverständlich verwies kein Schild auf diesen geschichtsträchtigen Ort des Grauens. Mächtige, dreißig bis vierzig Meter hohe, steile Felsformationen türmten sich vor uns auf und bildeten eine enge Schlucht. Bäume und Gebüsch verdeckten allerdings die Sicht zu den auch hier in den Felsen befindlichen Höhlen. Der Munzur bildete ein natürliches Hindernis zwischen den Felsen und der von Menschenhand erbauten Straße. Natürlich hätte man den Fluss, ein paar Unannehmlichkeiten in Kauf nehmend, durchqueren können, doch die Angst hielt uns davon ab. Man konnte nicht wissen, was einen dort drüben, auf der anderen Seite, nicht nur aus vergangenen Zeiten erwartete, denn die Berge mit ihren Höhlen sind die Unterschlüpfe der PKK und anderen terroristischen Gruppierungen.
Dunkelgrün floss der für die Zaza heilige Fluss still dahin, schwieg über seine Entweihung, schwieg über die unzähligen toten Körper, die er in den Jahren 1937/38 ungewollt mit sich fort tragen musste. Damals, als die türkischen Soldaten zu Lande und aus der Luft in Dêsim einfielen, dachten die Einheimischen, dort in der Schlucht und in den Höhlen sicher zu sein. Sie waren in dem Glauben, dass niemand außer ihnen von diesen unzugänglichen und versteckten Schlupfwinkeln wusste. Die Dörfler allerdings, zu diesem Zeitpunkt bereits ihrer religiösen Führer und Stammesoberhäupter beraubt, ahnten nicht, dass sie zusätzlich aus den eigenen Reihen verraten werden würden. Das Vorhaben der türkischen Regierung zielte darauf ab, ohne Rücksicht auf entstehende Kosten, ansässige Männer für ihre Ziele zu kaufen, um sie dann entsprechend für ihre Pläne zu benutzen .
Das bedeutete, dass man ihnen zum einen viel Geld anbot, um die Verstecke der Bevölkerung preiszugeben und versprach, sie in die fruchtbareren Gebiete Westanatoliens umzusiedeln und zum anderen gleichzeitig drohte, bei Nichtkooperation die Familien zu vernichten.
Die Soldaten kamen, plünderten das Zazavermögen, raubten die Tiere und verbrannten Land und Dörfer. Ohne Rücksicht auf Säuglinge, Kinder, Frauen oder Alte wurden die Menschen ermordet. Man begnügte sich nicht damit, sie zu erschießen oder den Verletzten mit den Bajonetten den Rest zu geben . Diejenigen, die sich vor den Schlächtern hatten verstecken können und unentdeckt blieben, mussten aus dem Verborgenen mitansehen, wie schwangeren Frauen die Bäuche aufgeschlitzt und ihnen die ungeborenen Kinder herausgerissen wurden. Mütter erstickten in den Höhlen ihre eigenen weinenden Säuglinge, um nicht die Aufmerksamkeit der Soldaten zu erregen und damit die in den Schlupfwinkeln Versteckten zu verraten. Frauen, die den Schändern bereits zum Opfer gefallen waren und Frauen, die der Vergewaltigung entgehen wollten, stürzten sich von den Felsen hinab in den Munzur-Fluss, der sich mit ihnen füllte. Doch der Tod kam nicht nur auf Füßen daher. Bomben wurden von Flugzeugen abgeworfen, deren Giftgase die Täler füllten und in die Höhlen eindrangen. Die so vermeindlichen, sicheren Zufluchtsorte wurden zu tödlichen Gefängnissen, in denen die Zaza erstickten. Die Toten beraubte man, brach ihnen die Goldkronen aus den Kiefern und ließ sie achtlos liegen. Bald schon wehte der Wind den Geruch des Todes über die Landschaft, denn die Soldaten hielten Wache über die Leichname, damit sie nicht heimlich begraben werden konnten. Nur den Wildtieren war es erlaubt, sich den toten Zaza zu nähern.
››Qir kerdene‹‹, das zazaische Wort für Vernichtung, hat übermächtige Wurzeln im Gedächtnis der Zaza geschlagen. Die Traumatisierung, die der Völkermord und die Vernichtung der Identität durch Sprach- und Namensverbot aus der eigenen Kultur hervorbrachten, reicht bis in unsere Tage.
Doch es gibt Anlass zu der Hoffnung, dass sich das Rad der Geschichte langsam zu Gunsten der Zaza bewegt. Nachdem entsprechende Dokumente aus dem Jahre 1939 in letzter Zeit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, sprach Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan im November 2011 erstmals öffentlich vom "Dersim-Massaker" und entschuldigt sich im Namen des Staates für die begangenen Verbrechen, auch wenn er nicht unmissverständlich den Namen der Zaza aussprach. Es ist zu hoffen, dass es sich um einen wirklichen Lichtblick, den Beginn einer Richtigstellung und Aufarbeitung der Geschichte handelt und nicht nur parteipolitisches Kalkül dahintersteckt, zumal Herr Erdo?an darauf hinwies, dass nicht die regierende Partei der AKP, sondern "die CHP hinter dieser blutigen Katastrophe" stünde. Allerdings wurde ich bei meiner Recherche in der deutschen und auch in der deutsch-türkischen Medienlandschaft erneut mit der verfälschten Tatsache konfrontiert, es hätte sich beim "Dersim-Massaker" um Kurden und nicht um Zaza gehandelt / / .
Zumindest die Bemühungen einiger zazaischer Intellektueller, die seit etlichen Jahren um den Erhalt der zazaischen Sprache und damit der zazaischen Kultur kämpfen, scheinen erste Früchte zu tragen. Die Universität Tunceli hat unter der Leitung von Dr. Zilfi Selcan, dem in Deutschland promovierten und weltweit einzigen Sprachwissenschaftler für Zazaisch, eine Abteilung für die zazaische Sprache und Literatur eingerichtet, in der nun Zazaischlehrer ausgebildet werden. Selbstredend werden auch hier von kurdischer Seite immer wieder Versuche gestartet, die Arbeit der vor Ort Engagierten und die der aus dem Ausland Unterstützenden zu torpedieren.
Ich stelle mir gerade vor, wie ich mich im Frühsommer in Dêsim auf einem rotblühenden Tulpenteppich niederlasse. Wie ich mich ohne Angst vor jedweden Übergriffen auf den Rücken lege und in den Himmel hinaufblicke, um dort oben den einzig und allein kreisenden Adlern zuzuschauen. Ich wünschte, mein Traum würde in Erfüllung gehen.


Abbildungsnachweis


Abbildung 1: Schild mit Aufschrift im Atatürk Köskü (Atatürk Museum) inTrabzon, Türkei.
Privataufnahme des Autors vom 16.08.2012

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Abbildung 2: Ortsschild von Mamekiye, Türkei
Privataufnahme des Autors vom 10.08.2012